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Steuerreform : Bundesfinanzministerium kämpft erfolglos gegen Rechenpanne

  • Aktualisiert am

Das Bundesfinanzministerium kämpft erfolglos gegen eine peinliche Panne. Der Steuerrechner auf der Homepage des Ministeriums spuckt beim Berechnen der Steuerersparnis falsche Zahlen aus.

          2 Min.

          Das Bundesfinanzministerium kämpft erfolglos gegen eine peinliche Panne. Ihr vormals zuverlässiges Hilfsmittel für alle, die ihre Steuerlast selber berechnen wollen, ist vom Fehlerteufel befallen. Das Programm spuckt falsche Zahlen aus. Wer im Internet die Startseite des Bundesfinanzministeriums anklickt, stößt auf die frohe Botschaft: "Mehr netto. Die Steuerreform 2004".

          Und in aggressivem Rot wird er freundlich aufgefordert: "Berechnen Sie Ihre Steuerersparnis im Interaktiven Steuerrechner." Gesagt, getan. Dort hat man die Wahl zwischen dem Einkommensteuerrechner und dem Lohnsteuerrechner. Der zweite hat den Vorteil, daß er direkt vom Brutto zum Netto rechnet, er berücksichtigt sowohl Sozialabgaben als auch Werbungskosten samt Fahrtkosten.

          Zahlen stimmen hinten und vorne nicht

          Wer sich der Online-Anwendung bedient, erfährt: "Die Berechnungen berücksichtigen bereits die Ergebnisse des Vermittlungsverfahrens." Das klingt besser, als es ist. Die Zahlen stimmen vorne und hinten nicht. Im Fall eines ledigen Fernpendlers mit einem Bruttolohn von 40 000 Euro, der 70 Kilometer fährt, bis er an seinem Arbeitsplatz eintrifft, weist die Rechenhilfe seit dieser Woche eine Entlastung einschließlich Solidaritätszuschlag von 337,60 Euro aus - doch wirklich zahlt er sogar 12 Euro mehr Steuern als vergangenes Jahr, wie Berechnungen der Datev zeigen. Die Genossenschaft weiß, was sie sagt, schließlich liefert sie die Software, mit der viele Steuerberater und Personalbüros arbeiten.

          Die Mehrbelastung des Fernpendlers ist eine Folge der gesenkten Entfernungspauschale - und dieser Faktor wird in der ministeriellen Rechenhilfe nicht richtig eingearbeitet. Nachdem das Magazin Focus die zuständigen Fachleute auf den Fehler hingewiesen hatte, hat man das Programm korrigiert - doch nun stimmen die Werte weder für das Jahr 2004 noch für das Jahr 2003. Letztere waren bis dahin korrekt gewesen.

          Zusammen ist der Fehler zwar rund 200 Euro geringer als noch in der Woche zuvor, als sich der viel fahrende Muster-Steuerzahler noch eine Entlastung von 519,06 Euro ausgerechnet hätte. Aber richtig ist auch die neue Zahl noch bei weitem nicht.

          Ministerium verweist auf Software-Probleme

          Wie die Datev-Fachleute herausgefunden haben, liegt nun dem BMF-Rechner im Jahr 2003 schon der Tarif 2004 zugrunde, wenn auch ohne die im Vermittlungsverfahren beschlossene zusätzliche Senkung der Steuersätze. Für das laufende Jahr wird zwar mit dem richtigen Tarif gerechnet, aber dafür stimmt wiederum die Entfernungspauschale nicht mehr. Dafür arbeitet der Steuerrechner dann wieder richtig für das laufende Jahr, wenn 2004 als erstes und 2005 als zweites Jahr eingegeben wird.

          Dann allerdings sind die Werte für nächstes Jahr nicht nachvollziehbar, sie unterscheiden sich um etwa 50 Euro von den Datev-Berechnungen, ohne daß deren Fachleute dafür - anders als bei den anderen Fällen - eine systematische Erklärung angeben können. Im Ministerium verweist man auf Softwareprobleme. Als Grund nennt man die komplexen Steuerrechts-Änderungen. Man habe auf keinen Fall die Entlastungswirkung manipulieren wollen.

          Vereinfachung der Tarife könnte helfen

          Aus Fehlern wird man klug: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß das deutsche Steuerrecht einer grundlegenden Vereinfachung bedarf, dann liefert ihn das Bundesfinanzministerium. Auch der Grundsatzstreit, was besser ist, ein stufiger oder ein linear-progessiver Tarifverlauf, läßt sich vor dem Hintergrund der Rechenpanne besser beurteilen.

          Die radikalen Reformer werben damit, daß man den Stufentarif auf einem Bierdeckel ausrechnen kann. Die Anhänger des alten Formeltarifs argumentieren dagegen, daß im Computerzeitalter so etwas nicht gebraucht werde, da Programme die Steuerlast sekundenschnell ausrechneten. Wie der aktuelle Fall des Finanzministeriums zeigt, ist es offensichtlich besser, wenn jeder die Berechnung seiner Steuerlast selber nachvollziehen kann.

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