https://www.faz.net/-gqe-ox0d

Steuerrecht : Abschreibungskünstler im Aufschwung

Vodafone: 50 Milliarden Euro Verlust durch Mannesmann-Übernahme? Bild: dpa

Das Steuerrecht ist kompliziert. Davon profitieren Heerscharen von Beratern, Bankern und Beamten. Die Steuerindustrie boomt. Besonders spektakulär: Der Fall Vodafone nach der Mannesmann-Übernahme.

          2 Min.

          Die vergangene Woche hat gezeigt: Die produktivsten Arbeitnehmer Deutschlands sitzen im Düsseldorfer Industriegebiet Seestern. Hier ist die Zentrale der deutschen Vodafone GmbH, inklusive ihrer Rechts- und Steuerabteilung. Genau hier wurde der Plan ausgebrütet, der zu einem fiskalpolitischen Erdbeben führte: Vodafone will 50 Milliarden Euro Verlust aus der Mannesmann-Übernahme steuerlich geltend machen.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sollte das gelingen, hätten sich die 15 Mitarbeiter der Abteilung für das Unternehmen zehntausendfach bezahlt gemacht. Ihrem Arbeitgeber sparen sie wahrscheinlich eine zweistellige Milliardensumme, während sich die Lohnkosten allenfalls im einstelligen Millionenbereich bewegen dürften.

          Ein Heer von Experten

          Mit so wenigen Leuten lassen sich freilich nur in den seltensten Fällen Steuermilliarden vom Fiskus zurückholen. Vielmehr beschäftigen die Deutschen - Firmen wie Privatleute - dafür inzwischen ein Heer von Experten. Und weil die Steuergesetze immer komplizierter werden, wird dieses Heer immer größer. "Deutschland hat in den letzten 50 Jahren eine Steuerindustrie entwickelt, an der mittlerweile Tausende Richter, Finanzbeamte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Steuerratgeberautoren und natürlich auch Verlage prächtig verdienen", erläutert Jaroslaw Grycz. Der Hannoveraner Rechtsanwalt sagt das ohne Neid, ist doch auch seine Kanzlei Herfurth & Partner Teil dieser Steuerindustrie.

          Am augenscheinlichsten werden die Dimensionen bei einem Blick auf die Branche der Steuerberater. 1965 kamen die Deutschen noch mit knapp 25000 Beratern aus. Seitdem hat sich ihre Zahl fast verdreifacht, während die Bevölkerung schrumpft - vom einmaligen Vereinigungszuwachs abgesehen. Heute zählen die Steuerberaterkammern mehr als 71.000 Mitglieder.

          Schon eine grobe Überschlagsrechnung beweist, daß diese Beratermasse derzeit ordentlich zur deutschen Wirtschaftsleistung beiträgt. Offizielle Zahlen zu den Honorarvolumina existieren zwar nicht. Fachleute beziffern jedoch den durchschnittlichen Jahresumsatz eines Beraters auf 250.000 Euro. Multipliziert mit der Zahl der Berater, ergibt sich daraus eine Summe von knapp 18 Milliarden Euro - das wären immerhin 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 1993.

          „Grauer Kapitalmarkt"

          Der Bereich der Geldanlage bildet das zweite große Standbein der Steuerindustrie. So werden geschlossene Fonds vor allem aus einem Grund aufgelegt: „Um Steuern zu sparen und zu vermeiden", sagt Martin Witt von der Ratingagentur Scope. Zehn Milliarden Euro flossen 2003 den Fonds zu, deren Initiatoren damit unter anderem neue Containerschiffe, Hollywood-Filme und Windräder finanzieren. Der Trick im Vergleich zu anderen Investments: Die Geldgeber gelten als Unternehmer und können die Anfangsverluste der Projekte steuerlich geltend machen.

          Solche Geldanlagen werden von Kritikern als "grauer Kapitalmarkt" abgetan. Doch der ist so attraktiv, daß auch seriöse Namen den Kontakt nicht scheuen. An der Pullacher Firma Hannover Leasing (die über einen Filmfonds unter anderem den dritten Teil des "Herrn der Ringe" mitfinanziert hat) ist zur Hälfte die öffentlich-rechtliche Landesbank Hessen-Thüringen beteiligt. Und der Hamburger Branchenprimus MPC Capital wird am 21. Juni in den Börsenindex M-Dax aufrücken, in dem die nach den Dax-Unternehmen 70 größten deutschen Firmen versammelt sind. Einziger Geschäftszweck der Firma gemäß dem Geschäftsbericht: der Verkauf von "renditeorientierten und steueroptimierten Kapitalanlagen".

          Gepflegter Dschungel

          Nicht nur Eichels Gegner profitieren unterdessen vom deutschen Steuersystem. Der Dschungel will gepflegt werden, und das funktioniert nicht ohne Heerscharen von Finanzbeamten. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren dafür im Jahr 2002 258601 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes im Einsatz, gut ein Drittel mehr als Soldaten in der Bundeswehr.

          Und auch das Bundesfinanzministerium mit seinen rund 2.000 Beschäftigten kann kaum ohne Steuern (das heißt: deren Verwaltung) leben. Die beiden Steuerabteilungen III und IV gehören zu den größten des Ressorts. Zur Abteilung IV zählt übrigens die Unterabteilung IV A, die sich auch des Themas "Steuervereinfachung" annehmen soll. IV A ist dem aktuellen Organisationsplan zufolge allerdings gerade führungslos.

          Weitere Themen

          Salat ist das neue Fastfood

          Essen zuhause und im Büro : Salat ist das neue Fastfood

          Gerichte mit Edamame und Süßkartoffelspiralen statt Pizza und Burger: Die Lieferung von gesundem Essen liegt im Trend. Davon profitieren drei junge Unternehmen.

          Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich Video-Seite öffnen

          Anstieg von nur 2,4 Prozent : Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich

          Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr noch einmal deutlich abgesenkt. In ihrem Herbstgutachten gehen die Expertinnen und Experten nun von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,4 Prozent in diesem Jahr aus – nach prognostizierten 3,7 Prozent im Frühjahr.

          Kröten schlucken für die Ampel

          Keine höhere Einkommensteuer : Kröten schlucken für die Ampel

          Selbst Jürgen Trittin akzeptiert, dass die Steuern für Topverdiener nicht steigen werden. Und Christian Lindner kommt mit einem höheren Mindestlohn klar. Für ihn zeichnet sich ein Konkurrent als möglicher nächster Finanzminister ab.

          Topmeldungen

          Joe Biden spricht vergangenen Samstag vor dem Kapitol.

          Keine Mehrheit im Senat : Bidens Klimaschutz-Agenda steht auf der Kippe

          Der US-Präsident wollte die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten beim globalen Kampf gegen den Klimawandel wiederherstellen. Doch ein Senator mit Verbindungen zur Kohleindustrie könnte schon reichen, um das Projekt scheitern zu lassen.

          Erich von Däniken : Die Außerirdischen sind hier

          Seit sechs Jahrzehnten fahndet Erich von Däniken nach Besuchern aus dem All. Doch bis heute ist ihm kein einziger begegnet. Das macht ihn „himmeltraurig“, lässt ihn aber nicht zweifeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.