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Steuerparadies Singapur : „Mit einem Koffer voller Geld kommt hier keiner mehr herein“

Singapur setzt vor allem auf Finanzgeschäfte mit reichen Indern Bild: REUTERS

Von der Steueraffäre Liechtenstein geht eine Schockwelle aus. Die spürt man auch in Singapur. Der reiche Stadtstaat hat sich in den vergangenen Jahren zum Anlegerparadies gemausert. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer der LGT Bank in Singapur.

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          Auch 12.000 Kilometer von Liechtenstein entfernt beginnen die Klientengespräche der Privatbankiers in diesen Tagen immer mit der selben Frage: „Wie halten Sie es mit den Kundendaten?“ Die Schockwellen, die die LGT Bank in Liechtenstein durch den Verlust ihrer Kundeninformationen in den Kreisen der Vermögenden erzeugt hat, erreichte sofort auch das Steuerparadies Singapur, in dem praktisch alle europäischen Vermögensverwalter Niederlassungen haben.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          In der unabhängigen Tochtergesellschaft der LGT Gruppe im 30. Stockwerk des Centennial Tower gibt man sich allerdings sehr gelassen: „Wir haben hier erst im Jahr 2003 eröffnet, insofern sind wir nicht betroffen“, sagt Rolf Gerber, Geschäftsführer der LGT im südostasiatischen Tropenstaat, im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn die Daten auf der in Liechtenstein entwendeten CD stammen alle aus der Zeit vor 2002. Zudem seien die Angaben auch europäischer Kunden, die Geschäfte in Asien tätigen, im Hauptsitz in Vaduz nicht einzusehen. Gleichwohl machen sich Vermögensverwalter auch in Singapur nun noch einmal Gedanken über die Sicherheit ihrer Kundenangaben. Der reiche Stadtstaat Singapur hat sich in den vergangenen Jahren zum Anlegerparadies gemausert. Keine Kapitalertragsteuer, keine Quellensteuer, kein Solidaritätsbeitrag, seit Anfang Februar keine Erbschaftsteuer mehr – und das bei einem Bankgeheimnis, das als so sicher gilt wie die Goldreserven im amerikanischen Fort Knox.

          Dieses zu knacken ist erklärtes Ziel der Europäischen Union (EU) – unter anderem im Gegenzug gegen ein Freihandelsabkommen. Dass sich die Singapurer auf ein solches Geschäft einließen, gilt indes in Bankierskreisen im südostasiatischen Stadtstaat als ausgesprochen unwahrscheinlich. Gäbe die Singapurer Regierung nach, müsste sie Anleger aller Länder gleich behandeln – und das sind vor allem diejenigen aus den Nachbarländern sowie aus China und Indien. Mit ihnen dreht Singapur ein großes Rad: Rund 800 Milliarden Dollar werden von Singapur aus institutionell verwaltet, schätzungsweise 250 Milliarden davon sind direkt geführte Privatvermögen. Nur der kleinere Teil von ihnen stammt aus Europa von Anlegern, die dort ihre steuerliche Situation verbessern wollen. Für diesen Anteil das Bankgeheimnis Singapurs zu gefährden, käme der Regierung kaum in den Sinn, heißt es.

          Singapur hat Hongkong fast schon eingeholt

          Zwischen den Jahren 1999 und 2004 hatte die Singapurer Zentralbank Monetary Authority of Singapore noch aktiv mit eintägigen Seminaren in Europa für den Anlageplatz geworben. Heute ist sie wesentlich zurückhaltender geworden, da sie wohl Angst vor dem eigenen Erfolg bekam, wie Gerber schmunzelnd sagt. Immerhin hat Singapur inzwischen den Finanzplatz Hongkong gemessen am Anlagevolumen fast schon eingeholt. Zugute kommt dem Stadtstaat dabei nicht nur seine Verschwiegenheit, sondern auch die politische Stabilität – Hongkong hingegen beginnt, den Preis für seinen Status als Sonderverwaltungsregion Festlandchinas zu zahlen. Singapur kennt solche Schwierigkeiten nicht.

          Der Steuerstreit zwischen Liechtenstein und Deutschland dürfte für das Anlegerparadies unter Palmen hilfreich sein, schätzt Gerber. „Es gibt doch einen ganz einfachen und legalen Weg nach Singapur: Sie verlegen ihren Wohnsitz hierher und können ihr Vermögen ab da steuerfrei mehren.“ Denn der Stadtstaat bietet hohe Lebensqualität und relativ einfach zu erlangende Visa für den Daueraufenthalt. Mit ihm entfällt die Steuerpflicht in Europa. „Ich nehme an, dass dies in Zukunft ein immer interessanteres Modell für vermögende Klienten wird“, sagt Gerber. Bislang war dieser Ansatz noch wenig verbreitet.

          „Ein Wohnsitz hier ist für Menschen aus politisch stabilen Ländern noch kein wirkliches Thema. Bei drei Vierteln unserer nichtasiatischen Kunden leisten wir Erklärungsarbeit in puncto Singapur als Finanzplatz. Sind sie aber erst einmal hier, erkennen sie die Chancen schnell.“ So gibt es Vermögensverwalter, die durchaus Dutzende potentieller Kunden in Deutschland oder der Schweiz auf die Äquatorinsel einladen, um ihnen Singapur und dessen Möglichkeiten zur „Steueroptimierung“ nahezubringen. Wollten deutsche Behörden an Daten deutscher Anleger in Singapur kommen, führte der Weg einzig über das höchste Singapurer Gericht. Auch ein Datendiebstahl ist eher unwahrscheinlich, weil Singapur sehr streng straft. Gerade erst wurden junge Privatbankiers in Singapur zu Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie Kundendaten nur zum eigenen Gebrauch zum neuen Arbeitgeber UBS mitgenommen hatten.

          Auch Singapurs Bankiers müssen nach der Herkunft von Anlegergeldern fragen

          Allerdings müssen auch Singapurs Bankiers nach der Herkunft von Anlegergeldern fragen. „Dass einer hier mit einem Koffer voll Geld hereinspaziert, kommt seit einiger Zeit praktisch nicht mehr vor“, sagt Gerber. „Da greifen auch in Singapur die internationalen Richtlinien, die nach den Terroranschlägen in New York eingeführt wurden, um die Geldströme zu kontrollieren.“ Wohl aber gibt es eine Reihe von – vorwiegend asiatischen – Kunden, die ihre Gelder nahezu im Monatsrhythmus von einer zur anderen Bank transferieren. Dann noch eine Herkunftskontrolle zu übernehmen, ist fast schon unmöglich.

          Singapur selber setzt künftig vor allem auch auf Finanzgeschäfte mit reichen Indern. Der Subkontinent ist in vier Flugstunden zu erreichen. Singapur ist für viele Inder darüber hinaus auch noch ein Einkaufsparadies. Und die jungen arabischen Städte? „Die Schweiz hatte 80 Jahre, um an ihrem Ruf zu arbeiten. Singapur ist seit 25 Jahren im Geschäft. Geben Sie Dubai noch 20 Jahre, dann könnte es für unsere Klientel interessant werden“, sagt Gerber.

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