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Asiens Urbanisierung : Immer mehr Slums in Asien

  • -Aktualisiert am

Leben in der Stadt: Wellblechhütten in Dharavi, Bombay, einem der größten Slums Asiens. Bild: Reuters

Die Menschen träumen von einer besseren Zukunft in den Metropolen. Damit entstehen mehr Armutsquartiere. Dabei steigt die Ungleichheit weiter, und das Land verödet.

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          Manish wusste, dass er gehen musste. Sein Dorf im Bundesstaat Bihar, in Indiens Armenhaus, verlassen, sich aufmachen nach Mumbai, ins frühere Bombay, mit mehr als 20 Millionen Menschen die größte Metropole Indiens. Ein Hexenkessel, ein Magnet. Hier leben die Superreichen. Und die ganz Armen schlafen an den Bahngleisen entlang der Strecke in den Süden der Stadt, dort, wo die Konzerne in riesigen Kolonialbauten residieren. In Bombay wollte Manish sich als Tagelöhner verdingen, um ein paar Rupien für sich und die Familie daheim zu verdienen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Alles kostet – die Hütte im Dorf, der Brennstoff, die Schule, die Bestechung für den Lehrer. In Bombay aber lebten schon Verwandte, die es bis zu einem Bett in einem Haus in Dharavi gebracht haben. Das ist der größte Slum Indiens, vielleicht der größte Asiens. Dort landete Manish. Der Zwölfjährige war von Heimweh geplagt. Und doch kam er beruflich voran. Bald schon beaufsichtigte er eine kleine Fabrik, die Plastikabfälle säubert, zerkleinert und dann weiterverkauft. Abends fegte er den Boden. 4000 Rupien (53 Euro) bekam er dafür im Monat. Und weil er bei seinem Vetter schlief, schickte Manish jeden Monat 3000 Rupien nach Hause zu seiner Familie.

          Manish hat es geschafft. Er hat im riesigen Bombay Fuß gefasst. Hunderttausende folgen ihm, Hunderttausende sind schon vor ihm gekommen. Asiens Städte ziehen die Menschen an, weil sie Hoffnung versprechen: auf ein besseres Leben, auf ein wenig Geld, auf eine Zukunft. Die Staaten der Region wachsen zwischen 5 Prozent (Indonesien) oder offiziell gut 7 Prozent (Indien). Viele profitieren davon. Dorfbewohner ziehen in die Stadt, schuften als Tagelöhner, werden später vielleicht Wachmann oder Koch, hoffen darauf, dass es ihre Kinder eines Tages zum Mechaniker oder zur Stewardess bringen. Aus dem Fahrrad wird ein Moped für die ganze Familie, aus den Pritschen unter der Plastikplane eine Wohnung in einem Slum. Im Traum kaufen die Kinder ihren Eltern später ein Appartement in einer Wohnanlage, die Bay View oder Laguna heißen.

          Massen in Armutsquartieren

          Diese Träume setzen die Völkerwanderung in Gang. Die Berater von McKinsey schätzen, dass 70 Prozent aller neuen Arbeitsplätze in Indien in Städten entstehen werden. Obwohl die Neuankömmlinge die geringsten Chancen haben, eine der Stellen zu ergattern. Und wenn, dann werden sie ausgebeutet. Dennoch bleiben ein paar Scheine am Monatsende übrig. Um sie geht es jenen, die jede Rupie zählen müssen. „Die städtische Bevölkerung Indiens wuchs von 290 Millionen Menschen im Jahr 2001 auf 340 Millionen im Jahr 2008. Im Jahr 2030 könnte sie schon auf 590 Millionen Menschen angeschwollen sein“, warnen die Berater.

          Und so schwären entlang der Eisenbahnlinien in Bombay, rund um den Flughafen und auf Landzungen die Armutsquartiere. Oft leben hier ganze Familien unter einer Plastikplane, kochen und waschen mit Wasser aus dem Eimer am Straßenrand. Arbeit gibt es, wenn überhaupt, nur stundenweise. Auf dem Bau verdingen sich die ungelernten Straßenarbeiter für umgerechnet einen Euro am Tag. Sind die Bauten fertig, müssen sie weiterziehen. Die Weltbank schätzt, dass ein Fünftel der knapp 1,3 Milliarden Inder mit weniger als 1,90 Dollar Kaufkraft täglich ihr Leben fristen müssen. Der Gini-Koeffizient, der die Spreizung der Gesellschaft in Arm und Reich misst, wächst unterdessen weiter: In Indien stieg er laut Weltbank zwischen 1993 und 2010 von 0,31 auf 0,34. Ein Wert von 1 steht für maximale Ungleichheit.

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