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Statistikmängel : Zu hohe Zahlen zur deutschen Kinderarmut

Karusselfahrt: Die Zahlen zur Kinderarmut müssen korrigiert werden Bild: dpa

Der Anteil der Kinderarmut in Deutschland ist in einer Studie zu hoch wiedergegeben worden. OECD und DIW geben sich dafür gegenseitig die Schuld.

          3 Min.

          Für eine vieldiskutierte Studie zur Situation von Kindern und Familien in den Industriestaaten hat die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus Deutschland falsche Zahlen bekommen. Weil die Quote zur Kinderarmut viel zu hoch angesetzt war, schnitt Deutschland in dem internationalen Vergleich aus dem Jahr 2009 schlecht ab, was damals zu einer Debatte über die deutsche Familienpolitik führte.

          Christian Schubert
          (chs.), Wirtschaft

          Konkret geht es um die OECD-Studie „Doing Better for Families“, die Anfang September 2009 veröffentlicht wurde. In der Untersuchung wurde Deutschland eine Kinderarmutsquote von 16,3 Prozent attestiert, was deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 12,4 Prozent lag. Nach einer Datenrevision kam nun aber heraus, dass die deutsche Quote damals nur bei etwa 10 Prozent und damit unter dem OECD-Durchschnitt gelegen hat. Die Daten für diese Studie kamen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel des Instituts, für das jedes Jahr mehr als 20.000 Personen in 10.000 deutschen Haushalten befragt werden. Seit 1984 werden die selben Personen und Familien befragt; die Daten werden von Wissenschaftlern genutzt, kommen aber auch in der Sozialberichterstattung und Politikberatung zum Einsatz (siehe OECD-Studie: „Kluft zwischen Arm und Reich erhöht“).

          Das Problem aber ist: Im Laufe der Jahre sei die Gruppe der „nicht befragungsbereiten Personen“ gewachsen, sagte DIW-Forscher Markus Grabka. Früher habe diese Gruppe nur zu statistischen Unsauberkeiten im Nachkommabereich geführt; inzwischen aber sei sie relevant geworden. Deshalb, betonte das DIW am Freitag, hätten sie schon vor drei Jahren ihre Erhebungsmethoden verändert. „Eine Datenpanne hat es nicht gegeben“, sagte der DIW-Vorstandsvorsitzende Gert Wagner. Zudem habe sein Haus sowohl Ende 2009 als auch Anfang 2010 in zwei Publikationen „ausdrücklich“ auf die neue Methode und die damit verbundenen Konsequenzen verwiesen. Damals sagte der DIW-Forscher Grabka der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie seien unglücklich darüber, dass es zu derart signifikanten Unterschieden gekommen sei.

          Mittagessen im Jugendzentrum in Berlin
          Mittagessen im Jugendzentrum in Berlin : Bild: dapd

          „Wir müssen die Daten nehmen, die uns offiziell übermittelt werden“

          DIW und OECD schoben sich am Freitag gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Für das Institut ist der Wirbel um sein renommiertes Panel ein herber Rückschlag Nach diversen Krisen – zuletzt hatte ein Bericht des Bundesrechnungshof zu finanziellen Unsauberkeiten zum Rücktritt des langjährigen Institutsleiters Klaus Zimmermann geführt – endlich raus aus den Schlagzeilen. Grabka kritisierte, dass die Organisation in ihrer jüngsten Familienstudie, die vor zwei Wochen erschien, nicht auf die Datenrevision hingewiesen habe. Dabei seie die OECD seit drei Jahren über die Problematik informiert gewesen. In der aktuellen Untersuchung wurde die Kinderarmutsquote wegen der neun Daten nur noch mit 8,3 Prozent angegeben. Die OECD aber, die von den 34 Mitgliedsregierungen getragen wird, wehrt sich gegen die Kritik, unsauber gearbeitet zu haben. „Wir müssen die Daten nehmen, die uns offiziell übermittelt werden“, sagte die Chefin der OECD-Sozialabteilung Monika Queisser. Bei 2500 Mitarbeitern der Behörde, die für 34 Länder bei einer großen Themenpalette zuständig sei, sei das nicht anders möglich.

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