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Stationäre Versorgung : Krankenhäuser müssen besser werden

Ein medizinischer Laie kann die Qualität der Arbeit eines Krankenhauses kaum beurteilen. Bild: dpa

Die OECD hat es auf den Punkt gebracht. Deutschland hat eine besonders gute stationäre Versorgung. Doch sie ist im Vergleich der Industriestaaten überdimensioniert, überteuert und ineffizient. Das muss sich ändern. Eine Analyse.

          3 Min.

          Deutschlands Krankenhäuser klagen über steigende Kosten. Jede dritte Klinik verdient kein Geld. Schließungen drohen. Vor dem Hintergrund und angesichts üppig sprudelnder Steuer- und Abgabequellen fällt es der Politik leicht, den Krankenhäusern ein paar hundert Millionen Euro extra zu geben. Zusammen macht das dieses und nächstes Jahr fast eine Milliarde Euro. Im Wahljahr lässt die Koalition Krankenhäuser nicht im Stich.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat sich ihre Werbekampagne gelohnt. Auch die CSU kann sich freuen. Sie hat, wenn auch nicht alle Details, so doch das von ihr angestrebte Gesamtvolumen fast durchgesetzt. Selbst Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), der „seine“ Überschüsse im Gesundheitssystem gegen vielfältige Wünsche (der Ärzte, der Apotheker, der Pharmaindustrie und so weiter) zu verteidigen sucht, wird am Ende lieber den Kliniken mehr Geld geben, als sich noch einmal vom Finanzminister ausnehmen zu lassen. Schließlich kann er es kaum als eigenen politischen Erfolg verkaufen, wenn er im Gesundheitsbereich mit Ausgaben geizt, damit Wolfgang Schäuble (CDU), der Bahr oft Stöcke zwischen die Beine wirft, mit weniger Schulden glänzen kann.

          Unappetitliche Verquickung von Interessen

          Zufrieden können auch die Tarifpartner sein. Die Zusatzkosten, die sie ausgehandelt haben, werden die Krankenkassen und damit die Beitragszahler bezahlen - wie schon im vorherigen Jahr. Schöne Tarifverhandlungen, in denen die Partner wissen, sie können die Kosten auf Dritte abwälzen! Die Klinikärzte haben mit ihrem Gewerkschaftschef Rudolf Henke einen CDU-Mann im Gesundheitsausschuss, der in der Koalition für die „richtigen“ Entscheidungen sorgt. Diese Interessenverquickung ist und bleibt unappetitlich.

          Mit ein paar hundert Millionen Euro aus der Gießkanne Gesundheitsfonds lassen sich die Proteste der Krankenhausdirektoren im Wahljahr vielleicht eindämmen. Aber von den großen Problemen in der Krankenhausversorgung, in die jeder dritte Gesundheits-Euro fließt, wird keines gelöst. Allen voran das leidige Thema, dass die Länder die Krankenhausleistungen zwar bestellen, aber die Rechnung an die Kassen weiterreichen. Es gehört zu den gesundheitspolitischen Versäumnissen der Koalition, sich um das Thema herumgedrückt zu haben.

          Überdimensioniert, überteuert und ineffizient

          Es hilft nicht, immer neues Wasser in einen löchrigen Eimer zu schütten, solange nicht die Löcher geflickt werden. Die Krankenhausversorgung muss verändert werden. Nicht zuletzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat das auf den Punkt gebracht. Deutschland hat eine besonders gute stationäre Versorgung. Doch sie ist im Vergleich der Industriestaaten überdimensioniert, überteuert und ineffizient - der übermäßig hohe Mitteleinsatz garantiert kein längeres Leben. Weil die Kosten wegen des medizinisch-technischen Fortschritts weiter anziehen, ist eine effizientere Mittelverwendung unabdingbar.

          Mit der Einführung von Fallpauschalen ist vor zehn Jahren der richtige Weg zur Finanzierung beschritten worden. Geld folgt der Leistung. Das ist ein ordnungspolitisch begrüßenswertes Prinzip. Dennoch gilt es, Schwachstellen zu beseitigen. Der Verdacht, dass Krankenhäuser, der betrieblichen Mengenlogik folgend, Menschen auch ohne zwingenden medizinischen Grund operieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Zahlen der Kassen über den drastischen Anstieg teurer Operationen an Knie, Hüfte und Wirbelsäule sind auch durch neue Techniken zu erklären. Aber allein damit? Dass es im Krankenhaus ums Geld geht, wissen nicht nur Privatpatienten. Erinnert sei nur an „Einweiserprämien“ für Ärzte, die Patienten schicken.

          Laien können Arbeit der Krankenhäuser kaum beurteilen

          Am besten wäre es, wenn der Patient sich nach der Qualität der Leistungen für das Krankenhaus entscheiden könnte. Aber ein medizinischer Laie kann die Qualität der Arbeit eines Krankenhauses kaum beurteilen. In ein Krankenhaus, in dem Patienten an dort erworbenen Killer-Keimen sterben, würde er kaum gehen wollen. Aber einer Klinik, die Eingriffe routiniert und verlässlich vornimmt, würde er sich anvertrauen. Dafür braucht der Patient Hilfe, von seinem Hausarzt oder einem zweiten Mediziner. Das Internet kann für Transparenz sorgen, ersetzt aber den fachlichen Rat nicht. Manche Kliniken haben sich immerhin zu Qualitätsinitiativen zusammengeschlossen und publizieren ihre Ergebnisse.

          Krankenkassen sollten mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Mitglieder zu beraten. Sie müssen in die Lage versetzt werden, ihnen qualitativ gute und kostengünstige Angebote für planbare und medizinisch notwendige Behandlungen zu empfehlen. Dafür sollten sie Versorgungsverträge mit Krankenhäusern schließen dürfen, so, wie das in der Arzneimittelversorgung inzwischen gang und gäbe ist.

          Das würde den Wettbewerb der Krankenhäuser anstacheln. Dabei würden einige auf der Strecke bleiben. Am Ende, das müssen Patienten und Politiker in Bund, Ländern und Kommunen lernen, ist ein Krankenhaus nicht deshalb ein gutes Krankenhaus, weil es da ist, sondern nur dann gut, wenn es Behandlungsqualität bietet.

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