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Standpunkt: Marcel Fratzscher : Deutschland ist ein großer Target-Gewinner

  • -Aktualisiert am

Ökonom Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin Bild: dpa

Das Target-System der Euro-Zentralbanken ruft in Deutschland viele Ängste hervor. Dabei sei Deutschland der große Gewinner, schreibt der Ökonom Marcel Fratzscher.

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          Die Kritik an Target 2, dem System, das Zahlungsströme in der Eurozone abwickelt, hat in den vergangenen Jahren große Ängste in Deutschland geschürt. Ungleichgewichte in Zahlungspositionen in der Eurozone, so die Sorge, können enorme finanzielle Kosten und Risiken für Deutschland verursachen. Die Fakten und Tatsachen zeigen jedoch, dass das Gegenteil richtig ist: Deutschland ist einer der größten Gewinner des Target-Systems. Die finanziellen Vorteile für deutsche Banken, Investoren, und private Haushalte der vergangenen Jahre sind sehr viel höher als die potentiellen Kosten.

          Die europäische Krise hat zu einer Kapitalflucht aus den Krisenländern geführt. Dies bedeutet, dass sich Banken in den Krisenländern wie Spanien immer mehr Geld von der Zentralbank leihen müssen, um weiter Kredite an einheimische Unternehmen und Haushalte vergeben zu können. Zwar müssen spanische Banken für dieses Geld Sicherheiten hinterlegen, aber diese liegen bei ihrer nationalen Zentralbank. Im Falle eines Austritts Spaniens aus dem Euro haben daher die verbleibenden Euroländer keinen direkten Zugriff auf diese Sicherheiten und könnten Verluste erleiden. Dies bedeutet, dass Deutschland 290 Milliarden Euro an ungewissen Target-Forderungen im höchst unwahrscheinlichen Fall hätte, dass alle sechs Krisenländer (Italien, Spanien, Irland, Portugal, Griechenland und Zypern) austreten und ein Komplettverlust dieser Forderung eintreten würde. Sollte nur Griechenland austreten, beliefen sich die maximalen Target-2-Verluste für Deutschland auf 15 Milliarden Euro.

          Das Target-System als Anker der Stabilität

          Solche hypothetischen Kosten erscheinen auf den ersten Blick hoch. Sie sind jedoch gering im Vergleich zu den finanziellen und wirtschaftlichen Vorteilen, die Deutschland aus dem Target-System schon realisiert hat. Denn die Target-2- Forderungen der Bundesbank werden fast ausschließlich durch die Kapitalflucht deutscher Investoren und privater Haushalte aus den Krisenländern erklärt. In einer Studie des DIW Berlin zeigen wir, dass Deutsche seit der globalen Krise 2008/2009 fast 400 Milliarden Euro ihres Kapitals allein aus den sechs Krisenländern abgezogen haben. Damit haben deutsche Investoren nicht nur Verluste in den Krisenländer vermeiden oder reduzieren können, sondern dieses Kapital hat darüber hinaus auch die Finanzierungskosten in Deutschland für Banken, Unternehmen und den deutschen Staat deutlich verbessert.

          Genauso wichtig ist, dass das Target-System ein Anker der Stabilität ist und geholfen hat, einen Zusammenbruch der Volkswirtschaften der Krisenländer zu verhindern. Es hat geholfen, Liquidität für Banken in den Krisenländern bereitzustellen so dass weiterhin Kredite vor allem an Unternehmen fließen können, damit diese investieren, Beschäftigung schaffen und das Land aus der Rezession ziehen können. Damit reduziert das Target-System Liquiditätsprobleme und ermöglicht den Krisenländern eine geordnete Anpassung und die Umsetzung von Reformen. Auch Deutschland hat davon profitiert, indem eine tiefere Krise seine hohen Exporte in die Krisenländer im Wert von mehr als 400 Milliarden Euro in den Jahren 2009 bis 2012 noch stärker beeinträchtigt hätte. Zudem hat die Glaubwürdigkeit des Target-Systems dazu beigetragen, Vertrauen in den Kapitalmärkten zu stärken und eine Marktpanik zu verhindern.

          Das Dilemma der Target-Ungleichgewichte

          Als Drittes steht die Frage im Raum, was passierte, wenn man – wie von manchen gefordert – eine Glattstellung oder zusätzliche Absicherung der Targetverbindlichkeiten einführte, um mögliche Risiken für Deutschland zu reduzieren. Dies führte mit hoher Sicherheit zu einer geringeren Kreditvergabe, Verwerfungen und einer tieferen Rezession in den Krisenländern. Auch deutsche Investoren wären davon stark betroffen, da dies Verluste auf ihre noch immer hohen Vermögen von mehr als 3400 Milliarden Euro in den anderen Euroländern bedeutete.

          Das große Dilemma der Target-Ungleichgewichte ist nicht eines der fehlenden wirtschaftlichen Anpassung der Krisenländer oder der Risiken für Deutschland, sondern der Fragmentierung des europäischen Finanzsystems. Während deutsche Investoren in den vergangenen Jahren fast 400 Milliarden Euro Kapital aus den Krisenländern nach Hause gebracht haben, so haben selbst Investoren der Krisenländer Kapital aus Deutschland abgezogen (und damit Target-Ungleichgewichte reduziert). Diese Fragmentierung führt zu enormen Problemen und Risiken für Europa, und auch für Deutschland.

          Fluchthilfe für deutsche Investoren

          Die immer engere Abhängigkeit zwischen einheimischen Banken und Regierungen ist nur eines dieser Probleme. Dies unterstreicht, dass die oberste Priorität für die Wirtschaftspolitik die Reintegration der Finanzmärkte durch eine Finanz- und Bankenunion sein sollte. Forderungen nach einem restriktiveren Target-System, bei dem Ungleichgewichte ausgeglichen oder besonders besichert werden, sind kontraproduktiv und gefährlich, da es diese Fragmentierung der europäischen Finanzmärkte noch weiter verstärken würde. Solche Forderungen laufen der Idee einer Währungsunion zuwider und würden wie Kapitalverkehrsbeschränkungen in der Währungsunion funktionieren.

          Target ist keine Falle, sondern eine Fluchthilfe für deutsche Investoren. Deutschland ist einer seiner größten Nutznießer, da es deutschen Investoren und private Haushalten ermöglicht hat, Kapital aus den Krisenländern abzuziehen und Verluste zu verringern oder vermeiden. Wir sollten uns nun auf die wichtigste Herausforderung konzentrieren, die in den Target-Ungleichgewichten reflektiert ist: wie wir der steigenden Fragmentierung des europäischen Finanzsystems durch die Vollendung der Finanz- und Bankenunion begegnen können.

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