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Standort : Schweizer Kantone locken deutsche Firmen

  • -Aktualisiert am

Die Schweiz fischt im deutschen Unternehmer-Teich Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die sieben rot-grünen Jahre in Berlin waren aus Schweizer Sicht ein Riesenerfolg. Nicht nur der Molkereiunternehmer Müller floh vor dem deutschen Fiskus, auch etliche deutsche Mittelständler kamen in die Schweiz.

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          Wirtschaftsförderer der Schweizer Kantone haben schon immer gerne im deutschen Teich nach Investoren geangelt, weil dieser so groß ist und die fiskalische Wasserqualität vielen Firmen nicht schmeckt. Die sieben rot-grünen Jahre in Berlin waren in dieser Hinsicht ein besonders ertragreicher Fischzug: Nicht nur der Molkereiunternehmer Theo Müller floh vor dem deutschen Fiskus nach Zürich, auch etliche deutsche Mittelständler kamen in die Schweiz. Selbst Boris Becker ließ sich in der Steueroase Zug nieder, was indes eher mit der Standortwahl seines langjährigen Geschäftspartners Hans-Dieter Cleven zu tun hat, des ehemaligen Metro-Finanzchefs.

          Wünschen sich also Schweizer Wirtschaftsförderer zur Zeit nichts sehnlicher, als daß der Bundeskanzler nach der nächsten Wahl wieder Gerhard Schröder heißt? Ist Rot-Grün ihre politische Lieblingsfarbe in Berlin? So direkt würde das kein Standort-Promoter sagen, denn Eidgenossen sind höflich und nicht so deutsch-deutlich. Und wenn einer auf diese Frage antwortet, dann tut er es differenziert. „Auf Dauer wäre Rot-Grün nicht ganz in unserem Sinne“, sagt Bernhard Neidhardt, der Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zug.

          Deutschland wichtigster Exportmarkt

          „Es nützt uns ja nichts, wenn Deutschland immer schwächer wird, weil dann auch die Schweizer Wirtschaft langfristig nicht stark sein kann.“ Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, daher gibt es eine Korrelation zwischen den Wachstumsraten beider Länder. Trotz der engen Verknüpfung werden die Kantone die deutsche Erholung keineswegs dadurch unterstützen, daß sie weniger Firmen ködern. Denn einigen Gebirgskantonen, wie etwa Uri, geht es schlecht. Sie brauchen Investoren, weil die Armee als bisher großer Arbeitgeber sparen muß.

          September 2003: Boris Becker ist auch schon in Zug

          Die Methoden des Schweizer Standortmarketings in Deutschland werden vermutlich jedoch eine Spur vorsichtiger werden. Denn die Plakate, die etwa eine Region des Kantons Luzern (Seetal) letztes Jahr in einigen deutschen Städten aufstellte (“Kommen Sie zu uns, da zahlen Sie keine Steuern“), behagten vielen nicht. Erich Vorburger vom Kanton Nidwalden sagt: „Solch ein Standort-marketing ist mir zu plakativ und in der Aussage auch falsch. Unternehmen zahlen auch hier Steuern, aber weniger als im Nachbarland.“

          Schweiz wird weiter vorne bleiben

          Auch wenn Deutschland unter einer CDU-Regierung die Gewinnsteuern senkt, der Abstand zur Schweiz wird bleiben. Denn hier senkt man auch. Einerseits wegen der osteuropäischen Konkurrenz, die die Schweiz ebenfalls spürt. Zum anderen wegen des internen Steuerwettbewerbs. Die Kantone, die anders als deutsche Bundesländer eine Finanzhoheit und damit eigene Steuern haben, versuchen sich gegenseitig zu unterbieten, um Firmen anzulocken. Teilweise nutzen sie für solche fiskalische Entlastung jenen Teil der Zinserträge, der ihnen aus dem Goldverkauf der Notenbank zusteht.

          So will der nur 35000 Einwohner zählende Kanton Obwalden demnächst die kantonale Körperschaftsteuer von 16 auf 6 Prozent senken. Zusammen mit dem Anteil des Bundes wären das 15,1 Prozent, was der niedrigste Wert im Land wäre. „Nur so kommen wir weiter“, versichert Kurt Bucher, der Wirtschaftsförderer des Kantons. Dies ist eine fiskalische Retourkutsche gegen den Kanton Zug, denn der hat bisher mit 16,3 Prozent die geringsten Steuern und lebt wie die Made im Schweizer Speck.

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