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Städtebau im Westjordanland : Krisengipfel

„Je mehr wir sind, desto sicherer können wir uns fühlen“

Jedes Jahr brauchen wir im Westjordanland 50000 neue Wohnungen. Doch das Bauland ist knapp, und die Preise sind deshalb zu hoch“, sagt Nasser Abdelkarim. Der Campus der Birzeit-Universität, an der der Wirtschaftswissenschaftler lehrt, liegt an der Straße, die von Ramallah nach Rawabi führt. Die Absolventen seiner Hochschule müssten 15 bis 20 Jahre arbeiten, um ihre Eigentumswohnung abzubezahlen, rechnet Abdelkarim vor. In Ramallah kann der Quadratmeter Neubau-Erstbezug bis zu 1200 Dollar kosten. Das summiere sich dann schnell auf 150000 für eine Drei-Zimmer-Wohnung. Und dann müssen die jungen einheimischen Familien mit Palästinensern konkurrieren, die mit viel Geld aus dem Ausland zurückkehren. Oft legen sie sich hier nur einen zweiten Wohnsitz für die Sommerferien zu. Die meiste Zeit verbringen sie weiterhin in Detroit, Chicago oder Santiago de Chile.

So entstanden in den vergangenen Jahren im Westjordanland Immobilien im Wert von insgesamt 20 Milliarden Dollar. Viele einheimische Familien gingen mit ihren Ersparnissen unter die Bauherren. Deshalb teilt Nasser Abdelkarim auch nicht die Furcht vor einer Immobilienblase, die seit einiger Zeit in Ramallah umgeht: „Der Bedarf ist sehr groß. Die Projekte werden mit Privatvermögen oder normalen Bankdarlehen finanziert. Gefahr könnte höchstens drohen, wenn die Autonomiebehörde zusammenbricht oder immer häufiger zahlungsunfähig wird.“ Es gibt Gründe, das zu befürchten. In den vergangenen Monaten erhielten Lehrer, Polizisten und Krankenhauspersonal ihre Gehälter meist erst mit mehrwöchiger Verspätung; die Regierung ist der größte Arbeitgeber in den Palästinensergebieten. Ministerpräsident Salam Fajad klagt über die bislang schwerste Finanzkrise seiner Autonomiebehörde, die ohne ausländische Unterstützung nicht überleben kann. Rawabi ist jedoch ein Sonderfall, denn das meiste Geld stammt aus Qatar - und die Investoren sind ungewöhnlich geduldig.

Bauunternehmer Masri in Vorfreude Bilderstrecke

Aus Sicht der nahe siedelnden jüdischen Bevölkerung wirkt das Bauprojekt bedrohlich. Noam Aharon blickt mit einer Mischung aus Neid und Sorge hinüber auf die Baustelle auf dem Nachbarhügel. Bis vor kurzem waren von der israelischen Siedlung Ateret aus nur unberührte Berge zu sehen, auf denen im Winter manchmal Schnee liegt und im Frühling die wilden Anemonen blühen. Jetzt weht der Wind aus Rawabi den Baulärm herüber. „In Rawabi bauen sie für 30000 Menschen, aber wenn wir in den Siedlungen ein Haus bauen, gibt es internationale Proteste“, sagt Aharon, der auch Bürgermeister von Ateret ist. Hinter dem hohen Zaun, der seine Siedlung umgibt, leben mehr als hundert israelische Familien; insgesamt etwa 600 Menschen. Und auch die werden mehr.

Nicht weit von dem gelben Tor entfernt, das ein bewaffneter Sicherheitsmann bewacht, stellen Arbeiter gerade 18 neue Bungalows fertig. In wenigen Wochen werden dort die ersten Familien einziehen. Für Noam Aharon ist das nur ein Anfang: Er hofft darauf, die Einwohnerzahl im nächsten Jahrzehnt zu verdreifachen. „Je mehr wir sind, desto sicherer können wir uns fühlen. Wir müssen Tatsachen schaffen. Schließlich ist das unser Land“, kündigt er an. Hier leben vor allem religiöse Juden. Auch ihre Familien wachsen schnell, und neues Bauland steht auf dem Hügel oberhalb des palästinensischen Nachbardorfes schon bereit. Als die Siedler aus Ateret Grundstücke inspizierten, protestierten Palästinenser gewaltsam dagegen.

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