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Städtebau im Westjordanland : Krisengipfel

Die Palästinenser sind immer schwerer zu mobilisieren

Mehrere Software- und Telekommunikationsunternehmen wollen sich dort niederlassen, auch Banken, ein Einkaufszentrum und zahlreiche Restaurants. Für ihre zwanzig Jahre alte Tochter will Iman Ghazalih nur das Beste: Sauber, grün werde es in Rawabi sein mit einer atemberaubenden Aussicht, schwärmt sie. Die Eltern haben sich für eine 180 Quadratmeter große Wohnung für 110000 Dollar entschieden. „Sie ist billiger und größer als das Apartment, das wir gerade meinem älteren Sohn in Ramallah gekauft haben.“

Die Wohnungsnot im Westjordanland war auch für Baschar Masri einer der Gründe, Rawabi zu bauen. In Marokko hat seine „Massar“-Holding schon mehrere tausend Wohnungen gebaut. Ihn zog es jedoch zurück in seine alte Heimat, in der mittlerweile eine neue Mittelschicht entstanden ist. Seit die Gewalt der zweiten Intifada zu Ende ist und sich die Lage beruhigt hat, geht es vielen Palästinensern besser. Die Wirtschaft erlebte bis vor kurzem eine nie dagewesene Blüte. Die israelische Armee hat Straßensperren abgebaut und Exporte über die Außengrenzen erleichtert, die Israel kontrolliert. Ausländische Firmen und palästinensische Unternehmer aus der Diaspora begannen, im Westjordanland zu investieren. Die palästinensische Regierung und internationale Hilfsorganisationen stellten neue Mitarbeiter ein. Vor allem boomt die Baubranche - und kann trotzdem nicht mit der Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt Schritt halten, denn die Bevölkerung wächst stark.

Die Ansprüche steigen. Viele Palästinenser arbeiteten früher in den Golfstaaten. So überrascht es nicht, dass in dem 3D-Film, der im Kino des Besucherzentrums zu sehen ist, Rawabi an Dubai oder Abu Dhabi erinnert und wenig mit Ramallah oder anderen arabischen Nachbarstaaten gemeinsam hat. Die Frauen in Rawabi tragen in dem Film keine Kopftücher und sind westlich gekleidet. Staunend entdeckt in dem Trickfilm ein junges Paar mit seinen Kindern die großzügigen Wohnungen und verkehrsberuhigten Straßen, die sich viele von ihnen leisten können.

Neben dem Kino des Besucherzentrums befinden sich die Filialen mehrerer palästinensischer Banken. In Rawabi finanzieren sie 85 Prozent des Kaufpreises vor, bei Zinssätzen von rund fünf Prozent - auf Wunsch auch mit islamisch korrekter Murahaba-Finanzierung. Viele Familien haben sich hoch verschuldet, denn der Nachholbedarf ist groß: Sie schafften sich neue Autos, Flachbildfernseher oder gar eine Wohnung an, um nicht mehr bei den Eltern wohnen zu müssen. Politische Aktivisten und Gewerkschafter klagen schon, dass die Palästinenser immer schwerer zu mobilisieren seien: Sie seien zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen, um ihre Schulden abzutragen. Die Angst vor dem Gerichtsvollzieher ist oft größer als die Wut auf die eigene Regierung oder die israelischen Besatzer.

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