https://www.faz.net/-gqe-77ufk

Städtebau im Westjordanland : Krisengipfel

Bis vor wenigen Monaten gab es genug Gründe, Masri und seine Geschäftspartner aus dem Golfemirat Qatar für verrückt zu halten. Mehr als eine Milliarde Dollar wollen Masris Holding „Massar International“ und der staatliche Immobilienentwickler „Qatari Diar“ für die neue Stadt ausgeben. Doch schon der Nachschub für die Großbaustelle blieb oft auf den ersten Kilometern stecken. Die einzige Zufahrtsstraße führte anfangs durch das palästinensische Bauerndorf Atara. Dort konnte es vorkommen, dass ein sturer Esel den gesamten Verkehr aufhielt, während am Straßenrand Kinder in aller Ruhe spielten. Erst Anfang 2012 genehmigte die israelische Militärverwaltung die neue Zufahrtsstraße, die bei den roten Warnschildern abzweigt. Fünf Jahre lang hatte Masri darauf gewartet.

Das Bauprojekt folgt privaten Interessen

„Das ist die israelische Besatzung. Als Geschäftsmann weiß ich nie, was mich morgen erwartet. Man lernt hier jeden Tag dazu“, sagt Masri bitter. Er lebte länger in den Vereinigten Staaten und besitzt auch einen amerikanischen Pass. An den fehlenden vier Kilometern Zufahrtsstraße wäre fast sein ganzes Projekt gescheitert, für das mittlerweile mehr als 3000 Palästinenser arbeiten. Denn die palästinensischen Autonomiegebiete sind ein politischer Flickenteppich. Schon vor fast 20 Jahren hatten Israel und die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO die Oslo-Abkommen unterzeichnet. Aber einen palästinensischen Staat, der vereinbart wurde, gibt es immer noch nicht. Nur über knapp 40 Prozent des Westjordanlands können sie weitgehend selbst bestimmen. Dort, in den sogenannten A- und B-Gebieten, liegt auch Rawabi. Israelis ist der Zutritt in diesen Teil der Palästinensergebiete strengstens verboten, weil die israelischen Sicherheitskräfte Anschläge und Entführungen fürchten. Der kürzeste Weg von Ramallah in die neue Stadt aber führt über das C-Gebiet, das die israelische Armee weiterhin kontrolliert und wo die jüdischen Siedlungen liegen.

Sogar der amerikanische Präsident Barack Obama soll sich beim israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu dafür eingesetzt haben, dass Masri endlich die Straße bauen konnte. Am Donnerstag war Obama zum ersten Mal im Westjordanland. Er war aber nur für wenige Stunden in Ramallah, in Rawabi schaute er dieses Mal nicht vorbei. Formell muss Masri jedes Jahr bei der israelischen Armee eine neue Nutzungsgenehmigung beantragen. Das habe er aber noch nicht getan, weil sie offiziell nicht eröffnet worden sei, sagt er.

Trotz des Reiseverbots wurden schon einige neugierige Israelis in Rawabi gesehen. Auch mehrere internationale Spitzenpolitiker waren schon dort. Sie wollen sich am Beispiel dieses Prestigeprojektes selbst davon überzeugen, welche Fortschritte das neue Palästina macht, das die ausländischen Geber mit Milliarden Dollar unterstützen. Und an Wochenenden schauen viele Familien aus Ramallah und der Umgebung vorbei. Viele sind nur neugierig, andere kommen, um zu bleiben. Sie sehen das Bauprojekt weniger als politisches, sondern haben ganz private Interessen. Iman Ghazalih etwa hat ihre beiden Söhne hierher mitgenommen. Von außen kann sie ihre neue Wohnung im 7. Stockwerk eines Wohnhauses am Nordrand der Baustelle schon sehen. „Hier soll meine Tochter einziehen. Sie studiert noch in Jordanien Hotelmanagement. In Rawabi gibt es bestimmt Arbeit für sie“, sagt sie.

Weitere Themen

VW bietet Kunden erstmals Entschädigung an Video-Seite öffnen

Dieselskandal : VW bietet Kunden erstmals Entschädigung an

Viereinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals bietet Volkswagen hunderttausenden Kunden in Deutschland erstmals eine Entschädigung an. Verhandlungen für einen Vergleich mit der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) scheiterten indes.

Topmeldungen

Je mehr Privatpatienten in einem Gebiet, desto mehr Ärzte lassen sich dort nieder. Aber liegt das am Geld oder am sozialen Umfeld?

Gesundheitswesen : Abschaffung der Privatkassen soll Milliarden sparen

Der Beitrag für jeden gesetzlich Versicherten könnte um 145 Euro im Jahr sinken, wenn die Privatkassen abgeschafft würden. Das behauptet eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Beamte, Ärzte und Wissenschaftler halten die Berechnungen für hanebüchen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.