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Chinesische Konzerne : Kontrolle gegen Größenwahn

Blick auf den Finanzdistrikt in Schanghai: Chinas Regierung hat genug vom freien Finanzmarkt. Bild: AFP

Pekings Regierung wird die auf Pump finanzierte Einkaufstour chinesischer Konzerne zu riskant – und macht dabei auch vor Verhaftungen keinen Halt. Was steckt hinter dem Kurswechsel?

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          Stehen in Deutschland Banken zum Verkauf, finden sich auf der Liste der Interessenten regelmäßig Namen aus China. Der Immobilien- und Unterhaltungskonzern Wanda aus Peking wollte angeblich die Postbank kaufen. Der Versicherer Anbang wurde bei der HSH Nordbank als Investor gehandelt. Der Schanghaier Beteiligungsgesellschaft Fosun war schon im vergangenen Jahr die Übernahme der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser geglückt. Vor zehn Wochen stieg auch bei der Deutschen Bank ein Investor aus China zum größten Aktionär auf: der Mischkonzern HNA von der Tropeninsel Hainan, der erst Mitte der neunziger Jahre als Fluggesellschaft gestartet war: mit einer Maschine, durch deren Gang der Gründer selbst den Servierwagen schob.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In China, so hatte es lange den Anschein, gehe das Geld niemals aus. 180 Investitionen haben Unternehmen aus der Volksrepublik 2016 allein in Europa getätigt. Die Bieter bekamen oft deshalb den Zuschlag, weil sie ungewöhnlich hohe Preise boten. In diesem Jahr liefen schon 120 Käufe auf. Nun aber dürfte die große Einkaufstour vorbei sein. Sie war, wie sich nun herausstellt, in so hohem Maße schuldenfinanziert, dass Chinas Regierung eine Finanzkrise für möglich hält, unter der die Weltwirtschaft zu leiden hätte.

          Es geht um Größenwahn und Mangel an Kontrolle. Als vor einem Jahr chinesische Konzerne begannen, in aufsehenerregendem Tempo Beteiligungen in Europa und Amerika zu erwerben, ließen die in kurzer Zeit reich gewordenen Unternehmer alle Zurückhaltung fahren. Fosun-Chef Guo Guangchang ließ sich mit Warren Buffett vergleichen. Wanda-Gründer Wang Jianlin tönte, er stoße den größten Unterhaltungskonzern Disney vom Thron. Anbang-Lenker Wu Xiaohui kaufte das New Yorker Waldorf Astoria, zog in die Royal Suite, die zuvor Königen und Prinzen vorbehalten war, und bot so aggressiv mit hohen Milliardenbeträgen für internationale Ketten, dass ihn Peking stoppte.

          Hohe Schulden und rätselhafte Eigentümerstrukturen

          Der Unternehmer, auf den die den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehörende HSH Nordbank hoffte, sitzt inzwischen in chinesischer Haft. Auch die anderen Firmenjäger aus China sind ins Visier ihrer Regierung geraten. Angesichts ihrer Schuldenexzesse stelle sich die Frage nach einem „systemischen Risiko“, warnt Chinas Bankenaufsicht.

          Es zeigt sich, dass noch nicht einmal der scheinbar allmächtige chinesische Staat eine Ahnung davon hatte, was hinter den Glasfassaden der rasant wachsenden Konzerne vor sich ging. Ihnen allen ist gemein, dass sie neben hohen Schulden rätselhafte Eigentümerstrukturen aufweisen. Das ist der Grund, warum sich in China unbewiesene Gerüchte verbreiten konnten, an HNA halte in Wahrheit die Familie eines der ranghöchsten Pekinger Parteiführer Anteile. Nun schlägt die Führung umso härter zu. Wanda haben die Staatsbanken dem Vernehmen nach auf Befehl den Geldhahn abgedreht. Zentralbankchef Zhou Xiaochuan droht, Peking toleriere keine „hohe Verschuldung, geringe Kapitalausstattung und ausfallenden Kredite“.

          Auch die Verbindlichkeiten von HNA, die allein bei chinesischen Staatsbanken 90 Milliarden Dollar betragen sollen, nimmt der Staat unter die Lupe. Anfang der Woche wurde bekannt, dass nun auch die Europäische Zentralbank erwägt, die Finanzkraft des Deutsche-Bank-Aktionärs in einem Kontrollverfahren zu untersuchen. Immerhin geht es um das wichtigste Kreditinstitut der größten europäischen Volkswirtschaft.

          Pekings harte Hand für absolute Stabilität

          Wie risikoreich die Finanzstruktur der chinesischen Investoren ist, die die Verschuldung des Schwellenlandes China auf eine Höhe getrieben haben, die bald das Niveau der weit stärker entwickelten Industrienation Amerika erreicht, ist noch nicht ausgemacht. Ein Motiv für die harte Gangart gegenüber den Konzerne könnte auch sein, dass die Regierung Kapital im Land halten will, weil der Wert der Währung sinkt. Alles, was die Stabilität gefährden könnte, steht in China jetzt unter verschärfter Beobachtung, denn im Herbst kommt die Partei in Peking zusammen – zum wichtigsten Treffen seit fünf Jahren. Hier will ihr mächtiger Vorsitzender Xi Jinping seine Macht noch stärker ausbauen.

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          Dass Chinas neuer Alleinherrscher das kompromissorientierte Führungsmodell der Kommunistischen Partei aufgekündigt hat und mit so harter Hand regiert, wie es das Land seit Mao nicht mehr erlebt hat, ist eines von zwei Ereignissen aus der vergangenen Dekade, die kaum jemand hat kommen sehen und die China heute prägen. Das andere ist die Weltfinanzkrise aus dem Jahr 2008, auf die Peking in seiner Panik überreagiert und in der Absicht, die eigene Wirtschaft zu retten, die Kultur des schuldenfinanzierten Wachstums dort erst selbst installiert hat.

          Zudem nahm die Finanzkrise den Kadern ihren heimlichen Glauben, dass das westliche Freiheitsmodell Pekings Autoritarismus überlegen sei und langfristig als Vorbild für Reformen dienen müsse. Deshalb gibt es in China weiterhin keine unabhängige Gerichtsbarkeit, keine freie Presse und keine transparenten Strukturen in der Wirtschaft, die mit der völlig frei schwebenden Staatsführung eng verkoppelt bleibt. Das aber ist der Nährboden, auf dem tatsächlich eine Finanzkrise gedeihen kann.

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