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Kommentar : Die Opec ist im Dilemma gefangen

Ohne Ergebnisse, dafür vertagt: Die gescheiterte Konferenz der Opec-Mitglieder in Qatar. Bild: dpa

In den siebziger Jahren schafften es die Ölförderländer, den Preis hoch zu treiben. Gelingt das wieder?

          3 Min.

          Die große Ölkonferenz am vergangenen Wochenende ist gescheitert. In Doha, der Hauptstadt von Qatar, haben sich 16 der wichtigsten Ölförderländer der Welt getroffen, darunter Saudi-Arabien und Russland. Die Konferenz hatte nur ein Ziel: Die Ölfördermenge sollte gedeckelt werden, eingefroren auf den Stand von Januar. Damit wollten die Förderländer den Ölpreis stabilisieren, wenn nicht gar in die Höhe treiben. Schon die Voraussetzungen am Sonntag waren aber ausgesprochen schlecht. Iran, ein wichtiges Förderland, das gerade seine Produktion hochfährt, hatte kurz vorher abgesagt. Und Saudi-Arabien, das andere große Förderland mit freien Kapazitäten, ließ zu Beginn der Konferenz ein Papier verbreiten, es sei bereit, die Fördermenge einzufrieren – aber nur, wenn Iran auch mitmache. Das aber war eine Bedingung, die da wohl schon nicht mehr realistisch war. Eine Einigung aller außer Iran, die Russland ins Spiel gebracht hatte, war offenkundig nicht im Interesse Saudi-Arabiens.

          Fast erstaunlich ist es, dass die Teilnehmer der Konferenz nach dieser Ausgangslage überhaupt noch bis in die Abendstunden hinein diskutierten, die Gespräche zwischenzeitlich unterbrachen, heftig stritten, um dann am Ende mitteilen zu lassen: Es habe keine Einigung gegeben. Ist das ein Zeichen, dass die Wende in der Ölpreisentwicklung ausfällt, weil es dem Ölkartell Opec und seinen Mitspielern nicht mehr gelingen wird, eine Einigung zu erzielen?

          Ölförderländer im Gefangenendilemma

          Zumindest kurzfristig ist von dieser Seite wohl keine Wende für den Ölpreis zu erwarten. Im Juni sollen die Gespräche zwar fortgesetzt werden. Die Ausgangslage wird sich aber bis dahin nicht dramatisch verändern. Iran fährt seine Ölproduktion nach dem Ende der Atomsanktionen hoch, es wird sich daran nicht hindern lassen. Es ist aber zu viel Öl da. Und die Saudis wollen nicht zugunsten von Iran auf Marktanteile verzichten.

          Die Ölförderländer stecken in einer Art Gefangenendilemma. Sie alle könnten höhere Gewinne erzielen, wenn sie gemeinsam die Ölförderungen drosselten und der Ölpreis stiege. Für jeden Einzelnen aber besteht die Gefahr, dass nicht alle mitmachen. Dann wäre derjenige der Dumme, der seine Förderung deckelt – Profiteur wäre, wer munter weiterfördert.

          Aus diesem Dilemma kommen die Ölländer offenbar nicht heraus. Saudi-Arabien fördert im Augenblick gut 10 Millionen Fass (159 Liter) Öl am Tag. Das Land könnte die Menge wohl noch auf 11 oder 12 Millionen steigern, wie Heinrich Peters von der Landesbank Hessen-Thüringen ausführt. Und solange Iran seine Förderung nicht einfriert, sehen die Saudis keinen Grund, ihre Förderung nicht auch auszuweiten. Iran produziert seit dem Ende der Sanktionen schon rund 400.000 Fass am Tag mehr und exportiert auch entsprechend größere Mengen. Das Land ist fest entschlossen, mittelfristig auf eine Förderung von 4 bis 4,5 Millionen Fass am Tag zu kommen. Die Beteiligten verhalten sich dabei als „Budgetoptimierer“, wie Ökonomen sagen: Die Ölstaaten sind auf die Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen, sie werden keine innenpolitischen Verwerfungen riskieren, um den Preis hochzutreiben.

          Opec-Staaten heute zerstrittener als in den siebziger Jahren

          Zwei historische Erfahrungen stecken allen Beteiligten in den Knochen. In den achtziger Jahren hatten die Saudis ihre Förderung reduziert, weil ihnen der Ölpreis zu niedrig erschien. Das nutzten damals die anderen aus und produzierten entsprechend mehr. In diese Falle will Saudi-Arabien nicht noch einmal tappen.

          Anders war es 1973. Damals schafften es die Ölförderländer, durch Absprachen über eine Verknappung der Förderung den Ölpreis hochzutreiben und die westliche Welt in eine Ölkrise zu stürzen. Allerdings unter anderen geopolitischen Rahmenbedingungen. Die Förderländer führten damals einen gemeinsamen politischen Preiskrieg gegen die westliche Welt. Der Anteil der Opec an der Weltölförderung lag bei mehr als 40 Prozent, heute sind es 30 Prozent. Die neuen wichtigen Spieler auf dem Markt aber, zum Beispiel die privaten Ölförderer aus den Vereinigten Staaten, sitzen bei Verhandlungen wie am vergangenen Wochenende erst gar nicht mit am Tisch.

          Auch die Opec-Staaten selbst sind zerstrittener als in den siebziger Jahren. Saudi-Arabien und Iran befinden sich im Konflikt um die Vorherrschaft in der Region, verbunden mit dem Religionskonflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Dieser Konflikt wird in Stellvertreterkriegen ausgetragen, auch über das Öl. Iran ist dabei, zu einer Regionalmacht zu werden, und will das auch beim Öl zeigen. Daher wird sich das Land auf keinen Kuhhandel einlassen. Saudi-Arabien mag das Gefühl haben, die arme Verwandtschaft schlage ein Agreement vor, bei dem das Land die Hauptlast tragen soll. Doch nach den Erfahrungen aus den achtziger Jahren werden die Saudis nicht noch einmal in Vorlage treten wollen.

          Wenn der Ölpreis trotzdem steigt, dann vielleicht, weil die Ölnachfrage in den Schwellenländern anzieht. Oder weil die Produktion in Amerika wegen der niedrigen Erlöse für das eine oder andere Unternehmen mit der Zeit unattraktiv wird. Erfolgreiche Absprachen der Opec-Länder hingegen werden das Öl offenbar so schnell nicht teurer machen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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