https://www.faz.net/-gqe-6ud20

Staatsschulden : Es geht an die Substanz

Bild: Neele Bunjes

Die Staatsschulden sind kaum noch tragbar. Bei den Sparern in Deutschland wächst die Angst vor Staatsbankrott, Hyperinflation und Währungsreform.

          Vom Auswandern redet ja jeder gern mal, reiche Leute ganz besonders. Ein Wahlausgang passt ihnen nicht, die Steuern sind zu hoch - schwupps, schon denken sie übers Wegziehen nach. Aber angesichts der Euro-Krise und der riesigen Schulden bekommt so mancher richtig Angst. Und redet dann nicht nur übers Wegziehen. Sondern schickt sein Geld schon mal vor, für den Fall, dass er bald nachkommt.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So erzählt es Bert Flossbach. In seinem Büro ganz oben im schicksten neuen Hochhaus Kölns verwaltet er das Geld der Superreichen. „Wenn jemand ein größeres Vermögen hat und geografisch ungebunden ist, denkt der jetzt flexibler“, sagt er. „Es geht hier nicht um einen kleinen Crash, nach dem es normal weitergeht. Es ist ein schlechtes Gefühl, wenn die da oben nicht wissen, was zu tun ist.“

          „Dann werden die Defizite noch höher“

          Die Reichen sind nicht allein mit ihren Sorgen. Zwar kann und will nicht jeder gleich auswandern. Doch die Angst zieht sich inzwischen durch die ganze Bevölkerung. Dass die Staatsschulden ins Immense steigen, ist zur Sorge Nummer eins der Deutschen geworden, wie eine Umfrage von Forsa für den „Stern“ zeigt: Mehr als 70 Prozent, fast drei von vier Deutschen, haben darum große Sorgen - direkt gefolgt von der Angst davor, dass die Politiker mit den Problemen überfordert sind. Inzwischen spekuliert auch der Handwerksmeister abends mit seinen Freunden darüber, wann die Hyperinflation kommt.

          Mehr und mehr macht sich das Gefühl breit, dass die Schulden zu hoch sind. Griechenland, Portugal, Spanien und Italien - das kann doch niemand schultern, so denken die Ängstlichen. Das Gefühl bleibt mulmig unkonkret, schließlich hat keiner Erfahrung mit solchen Situationen - das Letzte, was in Deutschland geschehen ist, waren Hyperinflation und Währungsreform. Da geht es ans Ersparte, ans Vermögen. Die Menschen kriegen Angst um ihre Existenz. Und sie bekommen mehr und mehr Zuspruch von Finanzprofis.

          „Die Schulden verschwinden nicht davon, dass man sie in immer neue Gebilde mit lustigen Namen verschiebt“, sagt Stefan Homburg. Und das ist nicht irgendjemand. Er lehrt Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover und hat immer wieder die Bundesregierung beraten. „Wenn jetzt noch eine Rezession kommt, werden die Defizite noch höher. Dann kommt der Punkt, an dem die Gläubiger keine weiteren Staatsanleihen mehr kaufen.“ So wie jetzt in Griechenland.

          Mit hohen Vermögenssteuern könnte es glimpflich ausgehen

          Bisher sind Leute wie Homburg in der Minderheit. Dagegen hält zum Beispiel Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Ich bin ein Kritiker der EZB“, sagt er von sich selbst, schon lange sei ihm die Zentralbank nicht mehr unabhängig genug. „Aber den Kernstaat Deutschland stelle ich nicht in Frage.“ Die Inflation werde in der kommenden Wirtschaftsflaute sogar erst noch mal zurückgehen, bevor sie dann steigen könnte - aber nur mäßig. Und dass Deutschland in den nächsten Jahren irgendwann keinen Kredit mehr bekommt, hält er für ausgeschlossen. „Gucken Sie doch mal, wie niedrig die Renditen auf Bundesanleihen sind.“

          Von solchen Betrachtungen lässt sich Finanzwissenschaftler Homburg nicht beirren. „Das Problem kommt ja nicht langsam“, sagt er. „Das ist, wie wenn ein Hausbesitzer Schwierigkeiten mit der Bank bekommt. Dann kriegt er immer noch einen Kredit und noch einen, und irgendwann gibt es plötzlich keinen mehr.“ Dabei sieht auch er einen Weg, mit dem Deutschland seine Schulden noch halbwegs glimpflich losbekäme. Das wären relativ hohe Vermögensteuern, vielleicht auch in Form von einmaligen Sondersteuern auf Finanzvermögen oder auf Immobilien.

          Mit der Hälfte des deutschen Privatvermögens ließen sich die Staatsschulden komplett auslöschen - selbst wenn man noch von größeren Rettungsaktionen ausgeht. Solche Steuern allerdings wären schwer durchzusetzen, weil viele Deutsche ihr Geld an der Steuer vorbei ins Ausland bringen würden. Und sie wären extrem schmerzhaft für Leute, die sich etwas angespart haben. Deshalb gehen die meisten Pessimisten nicht davon aus, dass eine deutsche Regierung diesen Weg einschlagen wird.

          „Ich glaube daran, dass man versucht, das Thema durch Inflation zu lösen“, sagt Daniel Stelter, Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, der die Staatsschulden analysiert hat und angesichts seiner düsteren Ausblicke in seiner Firma den Schwarzseher-Spitznamen „Dr. Doom“ bekommen hat. Staatsschulden würden monetisiert, glaubt Stelter, das heißt: Die Zentralbank kauft Staatsanleihen - in einem stärkeren Maß, als sie das ohnehin schon tut.

          Preise steigen nur, wenn die Wirtschaft floriert

          Das könnte sogar recht elegant sein. Wenn die Inflation wegen des vielen Geldes auf vier oder fünf Prozent im Jahr steigt, die Zinsen auf die Staatsschulden aber unten bleiben, kann sich ein Land nach einigen Jahren seiner Schulden recht einfach entledigen. Die Vereinigten Staaten haben’s vorgemacht, nach dem Zweiten Weltkrieg. Kürzlich hat die amerikanische Ökonomin Carmen Reinhart das Vorgehen noch einmal analysiert: Banken und Versicherungen werden dann so reguliert, dass sie viele Staatsanleihen kaufen müssen, auch wenn deren Zinsen niedrig sind („damit sie sicher anlegen“). So sichert sich der Staat seine Kreditgeber auch bei niedrigen Zinsen. Den Schaden haben die Kunden der Rentenversicherungen. „Financial Repression“ nennt Reinhart dieses Vorgehen.

          Doch dazu muss die Inflation bei rund fünf Prozent ankommen. Das ist nicht leicht zu erreichen, auch nicht für die Notenbank. Preise steigen meist nur dann, wenn es der Wirtschaft gutgeht. Im Abschwung passiert das nur selten. Die andere Variante ist, dass die Inflation außer Kontrolle gerät und sich immer weiter steigert. „Die große Inflation kommt, wenn die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren“, sagt Unternehmensberater Stelter. „Wir sehen das schon bei den ersten Leuten, die Äcker kaufen.“ Finanzwissenschaftler Homburg wiederum schätzt, dass moderne Staaten vor einer Hyperinflation eher eine Währungsreform setzen.

          Ob diese Szenarien so eintreffen, ob die Verschuldung überhaupt zum Problem wird - all das ist längst nicht sicher, vielleicht nicht mal wahrscheinlich. Am Ende ist es auch nicht so wichtig. „Ich sehe das fatalistisch“, sagt Homburg. „Man kann sowieso nicht viel tun, wenn man nicht wegziehen will.“ Vor allem warnt Homburg davor, jetzt Immobilien auf Kredit zu kaufen. Damit komme man zwar gut durch eine Inflationszeit, aber hinterher hole sich der Staat diese Gewinne meistens zurück. „Lastenausgleich“ hieß das nach der Währungsreform 1948. „Kredite machen die Anleger verwundbar, wenn die Maßnahmen aus der falschen Richtung kommen“, sagt Homburg.

          Es hilft nicht mal viel, das Geld ins Ausland zu bringen. Wer nicht gerade zum Steuerhinterzieher werden möchte, muss hinterher auch ausländisches Vermögen versteuern, wie der Schweizer Bankier Konrad Hummler betont. Hummler ist sich mit den anderen Schwarzsehern einig: Am besten ist es, das Geld einfach möglichst breit zu verteilen. Wer das tut, hat auf jeden Fall bestmöglich vorgesorgt. Denn das Geld gut zu verteilen ist nicht nur in der Krise ein guter Rat. Sondern auch in normalen Zeiten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.