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Staatsschulden : Es geht an die Substanz

Mit der Hälfte des deutschen Privatvermögens ließen sich die Staatsschulden komplett auslöschen - selbst wenn man noch von größeren Rettungsaktionen ausgeht. Solche Steuern allerdings wären schwer durchzusetzen, weil viele Deutsche ihr Geld an der Steuer vorbei ins Ausland bringen würden. Und sie wären extrem schmerzhaft für Leute, die sich etwas angespart haben. Deshalb gehen die meisten Pessimisten nicht davon aus, dass eine deutsche Regierung diesen Weg einschlagen wird.

„Ich glaube daran, dass man versucht, das Thema durch Inflation zu lösen“, sagt Daniel Stelter, Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, der die Staatsschulden analysiert hat und angesichts seiner düsteren Ausblicke in seiner Firma den Schwarzseher-Spitznamen „Dr. Doom“ bekommen hat. Staatsschulden würden monetisiert, glaubt Stelter, das heißt: Die Zentralbank kauft Staatsanleihen - in einem stärkeren Maß, als sie das ohnehin schon tut.

Preise steigen nur, wenn die Wirtschaft floriert

Das könnte sogar recht elegant sein. Wenn die Inflation wegen des vielen Geldes auf vier oder fünf Prozent im Jahr steigt, die Zinsen auf die Staatsschulden aber unten bleiben, kann sich ein Land nach einigen Jahren seiner Schulden recht einfach entledigen. Die Vereinigten Staaten haben’s vorgemacht, nach dem Zweiten Weltkrieg. Kürzlich hat die amerikanische Ökonomin Carmen Reinhart das Vorgehen noch einmal analysiert: Banken und Versicherungen werden dann so reguliert, dass sie viele Staatsanleihen kaufen müssen, auch wenn deren Zinsen niedrig sind („damit sie sicher anlegen“). So sichert sich der Staat seine Kreditgeber auch bei niedrigen Zinsen. Den Schaden haben die Kunden der Rentenversicherungen. „Financial Repression“ nennt Reinhart dieses Vorgehen.

Doch dazu muss die Inflation bei rund fünf Prozent ankommen. Das ist nicht leicht zu erreichen, auch nicht für die Notenbank. Preise steigen meist nur dann, wenn es der Wirtschaft gutgeht. Im Abschwung passiert das nur selten. Die andere Variante ist, dass die Inflation außer Kontrolle gerät und sich immer weiter steigert. „Die große Inflation kommt, wenn die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren“, sagt Unternehmensberater Stelter. „Wir sehen das schon bei den ersten Leuten, die Äcker kaufen.“ Finanzwissenschaftler Homburg wiederum schätzt, dass moderne Staaten vor einer Hyperinflation eher eine Währungsreform setzen.

Ob diese Szenarien so eintreffen, ob die Verschuldung überhaupt zum Problem wird - all das ist längst nicht sicher, vielleicht nicht mal wahrscheinlich. Am Ende ist es auch nicht so wichtig. „Ich sehe das fatalistisch“, sagt Homburg. „Man kann sowieso nicht viel tun, wenn man nicht wegziehen will.“ Vor allem warnt Homburg davor, jetzt Immobilien auf Kredit zu kaufen. Damit komme man zwar gut durch eine Inflationszeit, aber hinterher hole sich der Staat diese Gewinne meistens zurück. „Lastenausgleich“ hieß das nach der Währungsreform 1948. „Kredite machen die Anleger verwundbar, wenn die Maßnahmen aus der falschen Richtung kommen“, sagt Homburg.

Es hilft nicht mal viel, das Geld ins Ausland zu bringen. Wer nicht gerade zum Steuerhinterzieher werden möchte, muss hinterher auch ausländisches Vermögen versteuern, wie der Schweizer Bankier Konrad Hummler betont. Hummler ist sich mit den anderen Schwarzsehern einig: Am besten ist es, das Geld einfach möglichst breit zu verteilen. Wer das tut, hat auf jeden Fall bestmöglich vorgesorgt. Denn das Geld gut zu verteilen ist nicht nur in der Krise ein guter Rat. Sondern auch in normalen Zeiten.

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