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Spitzenverdiener : Die Elite greift zu

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Ein Beispiel für hemmungsloses Zugreifen: Ford-Chef Alan Mulally Bild: AP

Während die Einkommen der Mittelschicht seit Jahren stagnieren, machen die Vorstände der Unternehmen Kasse. Verdient haben sie das nicht. Eine Analyse von Gerald Braunberger.

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          Also sprach Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, über die Gehälter von Managern: „Wir müssen einige sehr hohe Vergütungen sehr, sehr aufmerksam untersuchen. Sie werden von den Menschen in unseren Demokratien auf beiden Seiten des Atlantiks nicht verstanden.“ Der Warnruf ist äußerst ungewöhnlich. Denn Geldpolitiker äußern sich eigentlich nicht zu Verteilungsfragen. Trichets Ausspruch belegt die Besorgnis eines Mannes, der in seinen Studententagen wegen seines ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühls den Spitznamen „Justix“ trug.

          Leistung oder Selbstbedienungsmentalität

          Wenige Wochen vor Trichets Einlassung hatte sein amerikanischer Kollege Ben Bernanke, der Präsident der amerikanischen Zentralbank Fed, ebenfalls mit Äußerungen zur wachsenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen für Aufmerksamkeit gesorgt. Bernanke drückte seine Furcht aus, dass die zunehmende Angst vieler Menschen aus der Mittelschicht vor einem durch Globalisierung und technologischen Fortschritt bedingten Verlust ihres Arbeitsplatzes und ihres sozialen Status der gesamten Volkswirtschaft Schaden zufügen könnte:

          EZB-Präsident Trichet: „Einige sehr hohe Vergütungen sehr, sehr aufmerksam untersuchen”

          „Wenn wir die Risiken nicht begrenzen, die der ökonomische Wandel für einige mit sich bringt, könnte die Öffentlichkeit ihre Bereitschaft verlieren, die wirtschaftliche Dynamik zu akzeptieren.“ Gleichzeitig warf Bernanke die Frage auf, ob der außerordentlich hohe Zuwachs der Managereinkommen wirklich auf entsprechende Leistung oder nicht eher auf die Selbstbedienungsmentalität einer Kaste von Unternehmensführern und ihrer Aufsichtsräte zurückzuführen sei.

          Konflikt zwischen Mittelschicht und Elite

          Keine Frage: Das Thema Verteilung rückt wieder auf die Tagesordnung. Doch dieses Mal handelt es sich nicht um den traditionellen Konflikt zwischen Arm und Reich, zwischen der politischen Linken und der politischen Rechten. Zur Debatte steht auch nicht die Weltrevolution oder ein Systemwechsel, sondern die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft. Denn der Konflikt, der sich hier anbahnt, findet innerhalb des Bürgertums statt: zwischen der Mittelschicht und der wirtschaftlichen Elite. Während die Einkommen der Mittelschicht seit Jahren bestenfalls real stagnieren, macht die Elite Kasse.

          Das Phänomen ist seit vielen Jahren aus den Vereinigten Staaten bekannt, lässt sich aber seit einigen Jahren auch in Deutschland beobachten. Eine neue Untersuchung aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (Stefan Bach, Giacomo Corneo, Viktor Steiner: From Bottom to Top: The Entire Distribution of Market Income in Germany) belegt, dass zwischen den Jahren 1992 und 2001 der Anteil der Einkommen der Reichen am Gesamteinkommen aller Deutschen zugenommen hat, während die Mittelschicht ihren Anteil bestenfalls halten konnte.

          Amerikanische Verhältnisse

          Es spricht vieles dafür, dass sich dieser Trend seit 2001 fortgesetzt hat. Denn während die Mittelschicht in den vergangenen Jahren ihre Arbeitseinkommen kaum steigern konnte, haben die Vergütungen der Elite - in der oberen Grafik symbolisiert durch die Vorstandsgehälter der im Dax enthaltenen Konzerne - spürbar zugelegt. Die Schere zwischen der Mittelschicht und der Elite geht immer weiter auf; die Annäherung an amerikanische Verhältnisse schreitet voran.

          Interessant ist, dass es nicht alleine die Einkommen aus Kapitalvermögen sind, die die Unterschiede zwischen der Mittelschicht und der Elite vergrößern, sondern dass auch die Arbeitseinkommen dazu beitragen. Zwar finden sich unter den 100 reichsten Deutschen kaum Manager, sondern ganz überwiegend Unternehmer und Rentiers. Doch wer die Bezeichnung „Reicher“ etwas weiter fasst, stößt schnell auf eine Gruppe von Männern (Frauen haben dort Seltenheitswert), die ihr Einkommen überwiegend aus einer Tätigkeit als angestellter Manager beziehen oder bezogen haben.

          Wacklige Fortschrittsthese

          Die Frage stellt sich, wie es kommt, dass die Einkommen der Mittelschicht, deren Vertreter selbst zum Teil Führungspositionen im mittleren oder unteren Management wahrnehmen, seit Jahren eher stagnieren, während die Elite ihre Einkommen deutlich steigern kann.

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