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Spitzenverdiener : Die Elite greift zu

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Viele Fachleute vertreten die Ansicht, die zunehmende Einkommensspreizung sei im Wesentlichen ein Ergebnis des technischen Fortschritts, der gut ausgebildeten Menschen viele Chancen, eine schöne Karriere und ein angemessenes Einkommen eröffnet, den schlecht Ausgebildeten aber zurückwirft. Das Problem ist, dass man mit dieser - mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit richtigen - These zwar erklären kann, warum es in diesem Land Arme und weniger Arme gibt. Unter den Armen befinden sich viele Menschen, deren berufliche Qualifikation nicht ausreicht, um sich in einer immer anspruchsvolleren Arbeitswelt einen dauerhaften Platz zu sichern. Die These von der Wirkungsmacht des technischen Fortschritts erklärt aber leider nicht die wachsenden Einkommensunterschiede zwischen der Mittelschicht und der Elite. Denn viele Vertreter der Mittelschicht sind nicht schlechter ausgebildet als ihre Chefs.

Selbstbedienung zu Lasten der Aktionäre

Eine andere Begründung für die hohen Managergehälter lautet, dass hier eine Kaste von Führungskräften im Verbund mit Aufsichtsräten eine Art Selbstbedienung zu Lasten der Aktionäre betreibt. Sie wurde vor einigen Jahren populär durch ein Buch von Lucian Bebchuk und Jesse Fried (Pay without Performance: The Unfulfilled Promise of Executive Compensation).

In ihm zeigen die Autoren anhand drastischer Beispiele aus Amerika, dass die dortige Explosion von Managergehältern keineswegs alleine durch höhere Unternehmensgewinne erklärt werden kann, an denen die Führungsleute partizipiert hatten. Im Gegenteil: Fürstliche Gehälter und Abfindungen flossen nicht selten auch dort, wo Manager die ihnen anvertrauten Unternehmen schlecht führten oder noch gar keine überzeugenden Tätigkeitsnachweise erbracht hatten.

Abfindung trotz schlechter Leistung

So musste Ende Dezember 2006 der Chef des weltgrößten Pharmakonzerns Pfizer, Henry McKinnell, gehen, nachdem in seiner Amtszeit die Aktionäre die Hälfte ihres Vermögens verloren hatten. Zum Abschied erhielt McKinnell von seiner Firma knapp 200 Millionen Dollar. Diesen Betrag übertraf nur wenige Tage später Robert Nardelli, der Chef der amerikanischen Baumarktkette Home Depot: Er ließ sich sein Ausscheiden mit 210 Millionen Dollar versüßen.

Ein weiteres Beispiel für das hemmungslose Zugreifen liefert der neue Ford-Chef Alan Mulally, der den schwer angeschlagenen Autokonzern sanieren soll. Mulally trat seinen Job im September 2006 an und kassierte für die vier Monate bis zum Jahresende stolze 28 Millionen Dollar - obwohl Ford für das Geschäftsjahr 2006 einen Verlust von 12,7 Milliarden Dollar auswies. In Europa erhielt der ehemalige Airbus-Chef Noël Forgeard bei seinem unfreiwilligen Ausscheiden im vergangenen Jahr immerhin 8,5 Millionen Euro, obwohl er den Flugzeughersteller in eine schwere Krise geführt hatte.

Unsinnige Orientierung an Amerika

Mit Blick auf derartige Beträge lautet eine Begründung für die steigenden Managergehälter in Deutschland, im internationalen Vergleich bestehe noch ein Nachholbedarf. Viele amerikanische Vorstände verdienten deutlich besser. Ja, und?, ließe sich da fragen. Eine zwangsweise Orientierung an höheren Managergehältern im Ausland machte nur Sinn, wenn dadurch die Abwanderung der besten deutschen Vorstände zu ausländischen Konkurrenten verhindert werden sollte. Eine solche Abwanderung findet aber so gut wie gar nicht statt, denn sehr begehrt sind deutsche Vorstände im hochbezahlten Ausland überhaupt nicht - das Land verlassen hingegen ganz andere, die eher der Mittelschicht angehören: junge und hochtalentierte Wissenschaftler, Informatiker und Ingenieure.

Die Sensibilität der Elite für das verbreitete Unbehagen über stark steigenden Managergehälter ist nicht sehr ausgeprägt. Das zeigt so ziemlich jedes Gespräch mit einem Topmanager über dieses Thema. Manchmal hilft öffentlicher Druck: Im vergangenen Herbst kündigte Siemens eine Erhöhung der Vorstandsgehälter um 30 Prozent an - etwa gleichzeitig zur Pleite der ehemaligen Siemens-Tochter BenQ. „Der Aufsichtsrat hat die Gehaltsmaßnahmen sachlich und ausführlich begründet“, ließ sich damals Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld vernehmen. Nach harter Kritik in der Öffentlichkeit verzichtete der Vorstand auf die Gehaltserhöhung und steckte das Geld in einen Hilfsfonds für die ehemaligen Mitarbeiter von BenQ.

Das ist allerdings gar nichts im Vergleich zu dem, was sich der Reisekonzern TUI für das Geschäftsjahr 2005 geleistet hat: Dort war der Gewinn um 23 Prozent gesunken - aber die Vorstandsgehälter um 26 Prozent gestiegen.

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