https://www.faz.net/-gqe-7hyty

Spieltheorie : Tipps für gelingende Koalitionsverhandlungen

Beim Malefiz versuchen vier Spieler, mit ihren Steinen ins Ziel zu gelangen. Manchmal bilden sich dabei Koalitionen Bild: Ravensburger

Wie gelingen die Koalitionsverhandlungen besonders gut? Spieltheoretiker raten: Die CDU verhandelt besser zuerst mit den Grünen. Und die SPD sollte Rot-Rot-Grün als Option nicht vorschnell verwerfen.

          3 Min.

          Das Berliner Koalitionsspiel ist ein Fall für Ökonomen. Denn das Ringen um die Regierung ist nichts anderes als das Feilschen auf einem Markt: Sozialdemokraten und Grüne treiben mit ihrem zögerlichen Verhalten die Preise für eine mögliche Regierungsbeteiligung in die Höhe. Als wäre es eine Auktion, holt die Union Angebote von den potentiellen Juniorpartnern ein. Und unabhängig von ihrer politischen Richtung maximieren Parteien im Wettbewerb ihre Macht.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Spieltheoretiker, Verhaltensökonomen und Wettbewerbsforscher können antizipieren, wie dieses Spiel ausgehen wird. Ihr Alltagsgeschäft ist, Verhandlungen im Labor zu simulieren und mit mathematischen Modellen herauszufinden, welche Strategie zum Erfolg führt und welche ins Chaos.

          CDU muss „Entschädigung“ zahlen

          „Da muss ich erst einmal ein wenig rechnen“, sagt Matthias Sutter. Der österreichische Experimentalökonom hat in der Vergangenheit erforscht, ob man Taxifahrern trauen kann und ob Fußballschiedsrichter fair entscheiden. Der Forscher, der gerade an das European University Institute (EUI) in Florenz gewechselt ist, kennt sich aus mit Problemen aus dem wahren Leben. In der Tabelle, die er kurz darauf zuschickt, hat Sutter berechnet, wie mächtig die Parteien in den Koalitionsverhandlungen sind. Um den jeweiligen „Machtindex“ zu beziffern, hat er die 16 Regierungskonstellationen aufgelistet, die CDU, CSU, SPD, Grüne und Linke theoretisch bilden können. Die Fraktionen, die eine Koalition platzen lassen können, punkten auf dem Index. Egal ob man die Linken in die Rechnung einbezieht oder nicht, das Ergebnis ist nicht sonderlich überraschend: Die CDU hat die mit Abstand höchste Verhandlungsmacht, die CSU spielt, isoliert betrachtet, keine Rolle. Interessanter ist Sutters zweite Beobachtung. SPD und Grüne besitzen exakt gleich große Verhandlungsmacht. „Obwohl die Grünen nur etwa ein Drittel der Stimmen bekommen haben, können sie genau so hoch pokern wie die SPD“, sagt Sutter. Der Spieltheoretiker würde der Kanzlerin raten, zuerst mit den Grünen zu verhandeln. „Sie würden sich wahrscheinlich mit weniger Posten zufriedengeben“, sagt Sutter.

          Damit seine Rechnung aufgeht, muss man die Bedeutung politischer Inhalte ausblenden und voraussetzen, dass Rote und Grüne tatsächlich an die Macht wollen. Aber genau da hakt es, sagt Benny Moldovanu, Spieltheoretiker an der Universität Bonn. Normalerweise könnte die CDU als „dominante Spielerin“ beide potentiellen Partner gegeneinander ausspielen. Da aber beide Parteien glaubhaft vermitteln, dass sie gar nicht zwingend in einer Regierung Merkel mitspielen wollen, müsse die CDU eine „Entschädigung“ zahlen. „Es ist daher nicht verwunderlich, dass Wolfgang Schäuble schon von Steuererhöhungen gesprochen hat“, sagt Moldovanu.

          Die Grünen als CDU-Eigenmarke

          So richtig in die Höhe schießen würden die Preise für eine Regierungsbeteiligung, wenn zusätzlich ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken im Spiel wäre. Für Christian Wey, Industrieökonom an der Universität Düsseldorf, ist es daher „ein verhandlungsstrategisches Mysterium“, warum die SPD diese zusätzliche Option, bei der die Union außen vor wäre, nicht offenlässt. Auch Politökonom Birger Priddat (Universität Witten/Herdecke) findet das seltsam. „Die Risikoanalyse der Parteien ist nicht gut, viel zu konservativ“, sagt er. Eine linke Koalition könne sich für die Parteien langfristig auszahlen. „Jedenfalls mehr, als mit einer Kanzlerin Merkel in die Regierung zu gehen.“

          Industrieökonom Wey denkt bei Koalitionsverhandlungen an das Feilschen zwischen einer großen Supermarktkette (CDU) und ihren möglichen Lieferanten. Wenn einer der Lieferanten einen neuen Joghurt herausbringt, sich aber ziert, ihn dem Einzelhändler zu fairen Preisen anzubieten, sei es wichtig, eine Eigenmarke mit einem vergleichbaren Joghurt in der Hinterhand zu haben. „Eigenmarken haben großes Drohpotential gegen starke Marken“, sagt Wey. Überträgt man das auf die Politik, könnte die CDU die Grünen zu ihrer Eigenmarke machen. Auch wenn das natürlich nur ein Gedankenspiel sei, hält Wey es für klug, wenn die Union zuerst die Grünen ansprechen würde. Auf diese Weise könnte sie der SPD signalisieren, dass sie nicht zwingend gebraucht wird.

          Ökonomen tippen auf große Koalition

          Aber wird man Politikern gerecht, wenn man sie als kühl kalkulierende Machtmaschinen auffasst? „Man kann über Politiker denken, was man will, aber es geht ihnen nicht nur um das Maximieren von Ministerposten“, sagt Justus Haucap, Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf. Ganz offenbar, und das predigen Politökonomen schon lange, zählt für Politiker nicht nur die kurzfristige Aussicht auf Macht. Wie sein Bruder, der Homo oeconomicus, ist auch der Homo politicus ein facettenreiches Wesen. Er legt Wert auf Fairness und Reziprozität. Er kann seine Gegenwartspräferenz kontrollieren und denkt schon an die nächsten Wahlen. Sein Selbstbild ist ihm nicht egal, darum handelt er ungern gegen seine politischen Überzeugungen. Warum sonst bahnt sich in Berlin kein Linksbündnis an?

          Ökonomen haben komplizierte Modelle für alles Mögliche. Eine Formel für den Ausgang der Koalitionsverhandlungen haben sie nicht. Zu unberechenbar sei es, wie Parteien verschiedene Konstellationen („Auszahlungen“) bewerten. Zu unklar, wie die Parteien alternative Optionen, etwa Neuwahlen, einpreisen. Spieltheoretiker Moldovanu findet das nicht schlimm: „Wir erwarten ja auch nicht von einem Geologen, dass er genau vorhersagt, wann und wo das nächste Erdbeben stattfindet.“ Höhere Erwartungen an die eigene Zunft hat Volkswirt Michael Wohlgemuth, der in Berlin die Denkfabrik Open Europe leitet: „Natürlich spielen hier auch psychologische Faktoren eine große Rolle, aber trotzdem bin ich ratlos, warum wir das mit unseren ökonomischen Modellen nicht lösen können.“

          Die Mehrheit der befragten Ökonomen tippt auf eine Koalition aus Union und SPD. Aber ganz sicher ist sich niemand. Nach der Umfrage unter den Ökonomen gilt, was der italienische Kernphysiker Enrico Fermi nach einem Vortrag sagte: „Ich bin noch immer verwirrt, aber auf einem höheren Niveau.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zögern in Wolfsburg: VW dürfte doch kein neues Werk in der Türkei bauen.

          F.A.Z. exklusiv : Bulgarien lockt VW mit mehr Geld

          Wegen der türkischen Offensive in Syrien legt VW Pläne für ein Werk nahe der Metropole Izmir auf Eis. Nun hofft Sofia, doch noch das Rennen um die begehrte Milliardeninvestition zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.