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Spieltheorie : Tipps für gelingende Koalitionsverhandlungen

Die Grünen als CDU-Eigenmarke

So richtig in die Höhe schießen würden die Preise für eine Regierungsbeteiligung, wenn zusätzlich ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken im Spiel wäre. Für Christian Wey, Industrieökonom an der Universität Düsseldorf, ist es daher „ein verhandlungsstrategisches Mysterium“, warum die SPD diese zusätzliche Option, bei der die Union außen vor wäre, nicht offenlässt. Auch Politökonom Birger Priddat (Universität Witten/Herdecke) findet das seltsam. „Die Risikoanalyse der Parteien ist nicht gut, viel zu konservativ“, sagt er. Eine linke Koalition könne sich für die Parteien langfristig auszahlen. „Jedenfalls mehr, als mit einer Kanzlerin Merkel in die Regierung zu gehen.“

Industrieökonom Wey denkt bei Koalitionsverhandlungen an das Feilschen zwischen einer großen Supermarktkette (CDU) und ihren möglichen Lieferanten. Wenn einer der Lieferanten einen neuen Joghurt herausbringt, sich aber ziert, ihn dem Einzelhändler zu fairen Preisen anzubieten, sei es wichtig, eine Eigenmarke mit einem vergleichbaren Joghurt in der Hinterhand zu haben. „Eigenmarken haben großes Drohpotential gegen starke Marken“, sagt Wey. Überträgt man das auf die Politik, könnte die CDU die Grünen zu ihrer Eigenmarke machen. Auch wenn das natürlich nur ein Gedankenspiel sei, hält Wey es für klug, wenn die Union zuerst die Grünen ansprechen würde. Auf diese Weise könnte sie der SPD signalisieren, dass sie nicht zwingend gebraucht wird.

Ökonomen tippen auf große Koalition

Aber wird man Politikern gerecht, wenn man sie als kühl kalkulierende Machtmaschinen auffasst? „Man kann über Politiker denken, was man will, aber es geht ihnen nicht nur um das Maximieren von Ministerposten“, sagt Justus Haucap, Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf. Ganz offenbar, und das predigen Politökonomen schon lange, zählt für Politiker nicht nur die kurzfristige Aussicht auf Macht. Wie sein Bruder, der Homo oeconomicus, ist auch der Homo politicus ein facettenreiches Wesen. Er legt Wert auf Fairness und Reziprozität. Er kann seine Gegenwartspräferenz kontrollieren und denkt schon an die nächsten Wahlen. Sein Selbstbild ist ihm nicht egal, darum handelt er ungern gegen seine politischen Überzeugungen. Warum sonst bahnt sich in Berlin kein Linksbündnis an?

Ökonomen haben komplizierte Modelle für alles Mögliche. Eine Formel für den Ausgang der Koalitionsverhandlungen haben sie nicht. Zu unberechenbar sei es, wie Parteien verschiedene Konstellationen („Auszahlungen“) bewerten. Zu unklar, wie die Parteien alternative Optionen, etwa Neuwahlen, einpreisen. Spieltheoretiker Moldovanu findet das nicht schlimm: „Wir erwarten ja auch nicht von einem Geologen, dass er genau vorhersagt, wann und wo das nächste Erdbeben stattfindet.“ Höhere Erwartungen an die eigene Zunft hat Volkswirt Michael Wohlgemuth, der in Berlin die Denkfabrik Open Europe leitet: „Natürlich spielen hier auch psychologische Faktoren eine große Rolle, aber trotzdem bin ich ratlos, warum wir das mit unseren ökonomischen Modellen nicht lösen können.“

Die Mehrheit der befragten Ökonomen tippt auf eine Koalition aus Union und SPD. Aber ganz sicher ist sich niemand. Nach der Umfrage unter den Ökonomen gilt, was der italienische Kernphysiker Enrico Fermi nach einem Vortrag sagte: „Ich bin noch immer verwirrt, aber auf einem höheren Niveau.“

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