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Auf Wahlkampftour mit der SPD : „Der Schulz drückt auf die Tränendrüse“

  • -Aktualisiert am

Noch schnell ein Foto: Martin Schulz mit roten Rosen in Mülheim an der Ruhr Bild: dpa

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Kanzlerkandidat Martin Schulz kämpft sich in Nordrhein-Westfalen durch die Marktplätze und Fußgängerzonen. Wie kommt er bei den Leuten an?

          4 Min.

          Der Hype um Martin Schulz scheint sich gelegt zu haben. Zumindest hier, auf dem Alten Markt im nordrhein-westfälischen Herford, ist von einer Aufbruchstimmung nichts zu spüren. Etwa 300 Leute warten geduldig bis gelangweilt auf den Kanzlerkandidaten der SPD. Der Platz ist gut besucht, aber keineswegs voll. Ein paar Besucher haben SPD-Fahnen mitgebracht, aber schwenken sie nicht. Der Bierstand verkauft gar nichts, für ein kühles Pils ist es viel zu kalt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Glücklicherweise kommt Schulz pünktlich. Das Publikum empfängt ihn mit kurzem, freundlichem Applaus. Die Thesen des SPD-Chefs sind nicht mehr neu, aber noch nicht jeder hat sie mitbekommen. Schulz fordert „mehr soziale Gerechtigkeit“. Es gehe ihm „um die hart arbeitenden Menschen“, die er durch kostenlose Kitas, mehr Ganztagsbetreuung und eine bessere Pflege unterstützen wolle. Die Zuschauer bejubeln seine Forderungen zwar nicht, sie klatschen aber eifrig.

          Zehn Minuten später spricht Schulz einen seiner wichtigsten Vorschläge an. Er will, dass jeder Arbeitslose einen Anspruch auf Weiterbildung erhält und das Arbeitslosengeld entsprechend verlängert wird. Der Sozialdemokrat donnert ins Mikrofon: „Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hängt nicht von der Dauer des Arbeitslosengeldes ab, sondern von der Qualifikation der Menschen im Land!“ Dafür gibt es den bisher kräftigsten Applaus. Aber auch hier: Kein frenetischer Jubel, keine Sprechchöre, keine ungebremste Begeisterung. Die Leute hören Schulz wohlmeinend zu, teilen einiges. Mehr aber auch nicht.

          Von einem Hype will nicht mal die SPD-Stadtverbandsvorsitzende Susanne Rutenkröger sprechen, die auf dem Alten Markt Klatschpappen verteilt: „Innerhalb der SPD ist die Euphorie noch da, in der breiten Masse aber nicht mehr. Dafür ist unsere Zeit zu schnelllebig.“ Reicht es trotzdem fürs Kanzleramt? Die Kommunalpolitikerin ist sich unsicher: „Ich sag mal so: Er ist einer, der es schaffen kann. In der SPD ist das Angebot an solchen Kandidaten ja nicht allzu groß.“

          Schulz fährt weiter in die Hagener Fußgängerzone, der direkte Kontakt mit dem Volk steht an. Zumindest theoretisch. In der ersten halben Stunde steht eine kleine Schar kampferprobter Kamerateams und Fotografen vor ihm und seine Personenschützer hinter ihm. Andere haben keine Chance, zu ihm vorzudringen. Weil Schulz kein Mikrofon und keine Bühne hat, ist schon aus eineinhalb Meter Entfernung kein Wort mehr zu verstehen.

          Straßenwahlkampf in Hagen
          Straßenwahlkampf in Hagen : Bild: Christoph Schäfer

          „Der hat in Brüssel doch in die eigene Tasche gewirtschaftet!“

          Den meist zufälligen Passanten macht das nichts aus. Sie geben ihre eigenen Gedanken kund, die von dunkel bis bösartig reichen. „Der ist in Brüssel doch Millionär geworden, der gehört doch auch zur Elite“, sagt einer. „Politclown!“, schreit der Nächste. Und weil Schulz nicht reagiert, formt der Mann mit seinen Händen einen Trichter und schreit noch lauter: „110.000 Euro Taschengeld im Jahr!“

          Die Verachtung für alle Eliten, die Donald Trump ins Weiße Haus gebracht hat, sie ist auch hier in Hagen zu finden. „Der hat in Brüssel doch in die eigene Tasche gewirtschaftet!“, ruft ein anderer Zuschauer. „Der saß doch schon am Hebel der Macht – und was ist dabei rausgekommen?“ Vielleicht sieht es die große Mehrheit anders, doch niemand verteidigt Schulz. Die Lufthoheit in der Hagener Fußgängerzone gehört dem Hass.

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