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Politische Metaphern : Die schwäbische Hausfrau

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Die schwäbische Hausfrau ist Angela Merkels „austerity postergirl“, glauben die Angelsachsen. Bild: Getty

Die Bundeskanzlerin hat die schwäbische Hausfrau zum Ideal erhoben. Dafür wurde Angela Merkel angefeindet, die Schwaben auch. Haben sie das verdient?

          7 Min.

          Bekannt war sie im Ländle schon immer, mit großem Symbolwert wurde sie auch regelmäßig beschworen, sobald die Tugend der Sparsamkeit bedroht war. Egal wo, ob im Haushalt, im Betrieb oder in der Politik. Aber es bedurfte der Mahnung einer prominenten Dame aus der Uckermark, um ihr Weltruhm zu verschaffen: der schwäbischen Hausfrau.

          Es war eigentlich kein besonderer Auftritt, als die Bundeskanzlerin in den Hallen der Stuttgarter Messe auf den Fildern eine ihrer eher glanzlosen Reden hielt. Und es war eigentlich für die ihren Worten andächtig lauschenden Schwaben auch nichts Besonderes, was sie da angesichts der Verwerfungen auf den Finanzmärkten coram publico von sich gab: „Man hätte einfach die schwäbische Hausfrau fragen sollen“, rührte sie die landsmannschaftliche Seele. „Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.“ Da war es raus. Und kein Schwabe und keine Schwäbin im Publikum ahnte, was die Kanzlerin da für eine Lawine losgetreten hat.

          Eine Metapher macht die Runde

          Jedenfalls war klar: Seit Merkel die schwäbische Hausfrau zum Synonym für Sparsamkeit machte, wetteifern die Politiker mit der Verwendung dieser Metapher. Selbst der einstige Ministerpräsident Stefan Mappus bediente sich der tugendhaften Wirtschafterin, als er im Jahr 2010 rund 4,7 Milliarden Euro für den Kauf der ENBW-Anteile von dem französischen Energieversorger EdF über den Tresen schob: „Die schwäbische Hausfrau wird von dem Geschäft begeistert sein.“ Das sah zwar die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nicht ganz so. Und jeder, der etwas zum verunglückten Kauf der ENBW-Anteile zu sagen hatte, vergaß nicht den vernichtenden Hinweis, dass die schwäbische Hausfrau über einen solchen Deal entsetzt gewesen wäre.

          Ebenso Finanzminister Wolfgang Schäuble, nicht gerade berühmt für ein lockeres Händchen beim Geldausgeben: Er legte umgehend nach dem Hinweis der Kanzlerin Wert darauf, dass schließlich auch seine Mutter eine schwäbische Hausfrau war. Abstrahlung dieser Tugend auf ihn inklusive.

          Die schwäbische Hausfrau wird international bekannt

          Christian Lindner, der FDP-Chef, wurde in einem Interview gefragt, ob er ein „Anhänger des Prinzips schwäbische Hausfrau“ sei, was der Oberliberale selbstredend bestätigte: „Ich finde, das hat sich als Lebensweisheit bewährt.“ Ob Winfried Kretschmanns ehemaliger Stellvertreter, der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Nils Schmid, tatsächlich das Begriffspaar „schwäbischen Hausfrau“ nuschelte, als er wegen seiner sparsamen Haushaltspolitik mit einer überdimensionierten Null auf dem Stuttgarter Schlossplatz posierte, ist nicht bestätigt. Gutgläubige Zuschauer meinten aber, diese Worte von seinen Lippen gelesen zu haben. Verbürgt dagegen ist, dass sogar der Generalsekretär der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD, der mexikanische Wirtschaftsprofessor José Ángel Gurría, auf die Chefin des schwäbischen Haushalts verweist, wenn er seinen Landsleuten und dem Rest der Welt die Sinnhaftigkeit allen Sparens ans Herz legt.

          Da nimmt es nicht wunder, dass sich auch die internationale Presse mit diesem weiblichen Symbol für Sparsamkeit befasste und damit gleichsam dessen Bekanntheitsgrad steigerte. Der „Economist“, das renommierte britische Wirtschaftsmagazin, offenbarte seinen Lesern das Wesen der „Swabian housewife“, nachdem Angela Merkel, „neither Swabian nor a housewife“, sie bemühte. Die gestrauchelten amerikanischen Banken hätten die „Swabian housewife“ konsultieren sollen, damit sie ihnen erkläre, wie man mit Geld umgehe.

          Warum erst Merkel die Hausfrau berühmt machte

          „Ja, sie ist ein Klischee, aber viel mehr als ein Klischee“, zitiert die Zeitschrift Winfried Kretschmann. Die „Swabian housewife“ verkörpere den „starting point“ im deutschen Denken, was den Euro und das Finanzmanagement betreffe. Kretschmann, so das Blatt, sei der „Green-Premier“ des reichen Südweststaates, dessen Bewohner bekannt seien für ihren „kuriosen“ Dialekt, in dem immer das Diminutiv „le“ den Substantiven angehängt werde, und für ihre Maultaschen, „pockets of dough filled with meat and vegetables“. Sie seien sparsam, hassten Schulden und suchten immer „the best deal“. Das Magazin klärt seine geneigten Leser auch über Schulden („debt“) und Schuld („guilt“) auf und warum diese unterschiedlichen Begriffe – anders als im angelsächsischen Sprachgebrauch – im Schwäbischen so gut wie gleichbedeutend sei. „Schulden“ kommt im Südwesten der Republik halt von „Schuld“, von persönlicher Schuld natürlich.

          „The Guardian“, die große britische Tageszeitung mit internationalem Ansehen, zog mit der Aufklärung nach. Die „Swabian housewife“ sei Angela Merkels „austerity postergirl“. Sparsames Haushalten und „balanced budgeting“ stammten aus einer Gegend, die eine lange Geschichte der Armut kenne und in der die Menschen eine Religion ausübten, den Pietismus, die jedem Amüsement abgeneigt sei. Der „Guardian“ sprach mit zwei Schwäbinnen, die dem Reporter in den Schreibblock diktierten: Europa könne von dieser Frau, also der schwäbischen Hausfrau, viel lernen. Und zitiert wird die Vorsitzende der „German Housewife Association Württemberg“, die den Unterschied zwischen Bayern („Bavarians live the baroque life“) und Schwaben deutlich machte (sie seien „secretly rich“, übersetzt im „Guardian“ völlig korrekt ins Schwäbische mit „hälinge reich“, heimlich reich). Manchmal zeigen die Schwaben aber auch, was sie haben, jedenfalls wenn es die political correctness nicht zu sehr strapaziert: Die vom „Guardian“ interviewten Schwäbinnen fahren Mercedes. Jede von ihnen. Das sagten sie dem Reporter durchaus mit Stolz. Aber ein Mercedes ist im Schwabenland ja nichts Besonderes.

          Zuweilen fragen sich jedenfalls einheimische Marketingleute, warum die schwäbische Hausfrau, deren Tugenden ja im Ländle seit ewigen Zeiten bekannt sind, erst dann zur Berühmtheit aufstieg, als sie die Bundeskanzlerin vereinnahmte. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: Es musste eine prominente Person sein, die vielleicht physiognomisch der schwäbischen Hausfrau entspricht, in Gelddingen mutmaßlich auch so handelt und ansonsten mit Schwaben, deren Habitus und deren Sprache nicht viel gemein hat. Sie musste, wie der „Economist“ korrekt anmerkte, „weder Schwäbin noch Hausfrau“ sein. Diese Voraussetzung erst gab dem Hinweis auf die schwäbische Hausfrau den richtigen Spin.

          Die Käserinde als Indikator für Sparsamkeit

          Und Merkel, selbst wenn sie ihrem Ehemann Joachim Sauer zuweilen Rindsrouladen und Kartoffelsuppe kocht, ist ausweislich keine Hausfrau, sondern eben Bundeskanzlerin mit einem strammen Terminkalender, der nicht viel Zeit für die häusliche Küche zulässt. Vielleicht ist Zeitmangel der Grund, weshalb auf dem selbstgebackenen Kuchen immer zu wenig Streusel sind, was ihr der Ehemann, Sohn eines Konditors, bisweilen verübelt. Vielleicht spart sie aber tatsächlich auch noch bei den Zutaten für den Kuchen. Zuzutrauen wäre es ihr.

          Überdies promovierte sie als Physikerin zu dem Thema „Die Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden“. Sapperlot, wenn sich eine solche Geistesgröße die schwäbische Hausfrau zum Vorbild nimmt, dann muss ja etwas dran sein. Merkel stammt aus einem Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern, deren Bevölkerung nur ein Zehntel der Erfindungen hervorbringt derer des Südweststaates, bereinigt um die unterschiedliche Einwohnerzahl natürlich.

          Aufgewachsen ist sie in der DDR als Pfarrerstochter, also in einem Haushalt, in dem man auch die Ost-Mark zwei Mal umdrehen musste, bevor man sie ausgegeben hat. Immerhin merkte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich volkswirtschaftlich kritisch mit dem Sparfimmel auseinandersetzte, nach Merkels Bekenntnis treffend an: „Recht hat die schwäbische Hausfrau trotzdem. Ohne Sparen ist das Leben auch nicht besser. Staaten, die ihren Haushalt auf Dauer nicht in den Griff bekommen, müssen irgendwann enorme Zinsen zahlen – im Extremfall so wie zuletzt Griechenland. Auch dann ist das Wachstum weg.“ Wer sich aber die schwäbische Hausfrau als Vorbild nehme, so die F.A.Z., müsse auch wissen, wie sie erzogen worden sei: Habe ein Mädchen den Käse mit der Rinde gegessen, sei sie zu unfein als Braut gewesen. Schnitt sie die Rinde ab, galt sie als verschwenderisch. Zur richtigen schwäbischen Hausfrau sei nur das Mädchen geeignet, das die Rinde vorsichtig vom Käse schabe. Merkel also?

          Von „Kohls Mädchen“ zur „Mutti“

          Fraglos lebt und handelt die Bundeskanzlerin pragmatisch-schwäbisch, was nicht nur ihre Regierungskunst zeigt. Aus ihrer ersten Ehe nahm sie den Namen ihres Mannes mit. Sonst hieße es heute ja immer und überall Kanzlerin Kasner (ihr Geburtsname) oder – der Himmel bewahre – Kanzlerin Sauer (der Name ihres aktuellen Ehemannes). Ach ja, und sie ist auch im schwäbischen Sinne höchst umtriebig, was nicht nur der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière über seine damalige stellvertretende Regierungssprecherin anmerkte: „Ich glaube, dass sie auch noch diszipliniert entspannt.“ Im Klartext: Sie neigt selbst in ihrer Freizeit nicht zum Nichtstun.

          Angela Merkel war „Kohls Mädchen“, später mutierte sie zur „Mutti“, und heute verkörpert sie die „schwäbische Hausfrau“. In dieser Aufzählung darf die jüngste Etikettierung schon als Auszeichnung gelten. Mit den beiden anderen unschicklichen Bezeichnungen wird sie nicht mehr bedacht, nachdem sie demonstriert hat, wie gekonnt sie parteiinterne Widersacher um die Ecke bringt. Wenn ein solches Kaliber entschlossener Weiblichkeit die schwäbische Hausfrau als sinnstiftend für gutes Wirtschaften preist, dann leuchtet der Heiligenschein der kochlöffelschwingenden Dame weit in die Welt hinein.

          Die schwäbische Hausfrau – ein genialer PR-Gag? Zumindest hat er tatsächlich verfangen. Denn selbst dann, wenn es einem unmittelbar einleuchtet, dass man auf Dauer nicht über seine Verhältnisse leben kann, so wird man vom wirtschaftlichen Sachverstand schnell eines Besseren belehrt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, bestimmt nicht im Verdacht, der Verschwendungssucht Vorschub leisten zu wollen, erkannte jedenfalls nicht ganz abwegig: „Wenn alle sparen, dann kauft keiner mehr ein. Und dann wird das Leben karg.“

          Doch nur eine „kurzsichtige Metaphorik“?

          Auch andere ökonomisch vorbelastete Schriftgelehrte stoßen in das gleiche Horn. Der Buchautor Jens Berger beispielsweise bezeichnet die schwäbische Hausfrau gar als „Kardinalfehler deutschen Denkens“. Diese Figur eigne sich „denkbar schlecht als Modell, mit dem man gesamtwirtschaftliche Probleme erörtern könnte“. Es sei wenig dagegen einzuwenden, wenn Christdemokraten mit „solchen altbackenen Bildern“ auf Wählerfang gingen. Problematisch werde es aber, wenn politische Entscheidungsträger an „derlei kurzsichtige Metaphorik glauben“.

          Der Autor von „Stresstest Deutschland – Wie gut sind wir wirklich?“ relativiert jedenfalls die „kurzsichtige Metaphorik“: In der echten Wirtschaft gebe die schwäbische Hausfrau ihrer Bank Geld, das diese als Kredit an Privathaushalte, Unternehmen und dem Staat weiterreiche. Die Kreditnehmer konsumierten und investierten mit dem geliehenen Geld und schafften damit die Nachfrage nach Gütern und Produkten, die den Wirtschaftskreislauf brummen lasse.

          Wer eine Volkswirtschaft nach betriebswirtschaftlichen Vorgaben steuern wolle, neige unwillkürlich dazu, seinen Fokus auf die Ausgabenseite zu richten. Niedrigere Löhne beispielsweise zögen aber unweigerlich eine rückläufige Kaufkraft nach sich, weil nicht nur die schwäbische Hausfrau, sondern jedes Wirtschaftssubjekt auf betriebswirtschaftlicher Ebene rational reagiere, damit aber gleichsam einen Prozess in Gang setze, der für ihn selbst nur Nachteile bringe.

          Irgendwie weiß auch die Bundeskanzlerin, dass die Wirtschaftspolitik nicht auf die einfache Formel der schwäbischen Hausfrau zu reduzieren ist. Wer den „Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden“ nachspürte, hat ein Gefühl dafür entwickelt, komplexe Sachverhalte nicht über Gebühr zu simplifizieren. Merkel hat Politik gemacht. Adressaten waren alle, die „auf Dauer über ihre Verhältnisse leben“.

          Für die Kanzlerin selbst muss das ja nicht unbedingt gelten. Zumindest was ihren Rotwein-Bestand anbelangt, darf das Ehepaar Merkel/Sauer auf Dauer über seine Verhältnisse leben. Nachdem die „Bunte“ über deren Wein-Vorlieben geschrieben hatte, soll sich ihr Ehemann mokiert haben: „Wir trinken doch keinen deutschen Rotwein.“ So zitierte ihn jedenfalls der „Spiegel“ hinterher. Seit dieser Zeit wird die Bundeskanzlerin von deutschen Winzern mit Rotwein regelrecht zugeschüttet. Dieser Trick kann natürlich jederzeit auf andere Lebensmittel angewendet werden. Denn offensichtlich ist: Die schwäbische Hausfrau sollte sich Angela Merkel zum Vorbild nehmen, nicht umgekehrt. Es wäre einträglicher.

          Der Autor ist Schwabe, war Porsche-Sprecher und arbeitet heute als Publizist.

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