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Sparkassen : Der rote Koloss

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich das Machtgefüge zwischen Deutschlands Banken verschoben: Die Sparkassen sind inzwischen größer als Deutsche Bank und Commerzbank zusammen. Wie gesund ist das?

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          Das Machtgefüge unter Deutschlands Banken hat sich verschoben, ohne dass jemand Wind davon bekommen hätte: Die Sparkassen haben die Deutsche Bank überrundet. Und nicht nur das: Ihre Bilanz ist jetzt dicker als die von Deutscher Bank und Commerzbank zusammen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies geht aus den jüngsten Finanzberichten hervor, welche die Konzerne gerade veröffentlicht haben. Demnach bringt es die Sparkassen-Gruppe, zu der 415 Sparkassen und 340000 Mitarbeiter zählen, auf eine Bilanzsumme von sagenhaften 2,3 Billionen Euro (bei nicht mal 150 Milliarden Euro Eigenkapital). Die Deutsche Bank dagegen schrumpft in ihren Büchern, wie von den Regulierern als Lehre aus der Finanzkrise gewünscht und von der Politik angemahnt. Ihre Bilanz umfasst noch 1,7 Billionen Euro, so wurde es am Donnerstag bekannt gegeben. Die Commerzbank kommt auf 600 Milliarden Euro, ist also nur ein Drittel so groß.

          262 Milliarden Euro hat die Deutsche Bank allein seit Ende März rausgeschnitten. Wie viele der 100.000 Stellen nach der Rosskur übrig bleiben, das wird der neue starke Mann, Ko-Chef John Cryan, erst nach der Sommerpause, im Oktober, verraten. Dass etwa ein Drittel der Filialen in Deutschland schließt, gilt als ausgemacht. Ein Grund dafür sind die „unverantwortlich hohen Kosten“, die Cryan bemängelt, ein zweiter das spezielle Bankensystem in Deutschland, eben die starke Position der öffentlich-rechtlichen Sparkassen, welche den Wettbewerb aus Sicht der privaten Banken verfälschen.

          Wenn diskutiert wird, wie groß Finanzkonzerne sein dürfen, ohne das gesamte System zu gefährden („Too big too fail“) tauchen die Sparkassen in der Debatte locker drunter wegen. Groß, mächtig, unheimlich - das sind immer die anderen; Deutsche Bank, Goldman Sachs und wie sie alle heißen. Die Sparkassen-Funktionäre haben es verstanden, sich in diesem Spiel zu verzwergen: Hübsch klein und lokal geben sie sich, wenn es darauf ankommt. Deswegen beanspruchen sie auch andere, im Zweifel laxere Regeln, etwa für die Bankenaufsicht. Meist kommen die Sparkassen damit durch, was die private Konkurrenz erst recht ärgert, da es ihr Leben anstrengend macht. Die Renditen im Privatkundengeschäft in Deutschland seien nicht so schrecklich attraktiv, klagte Deutsche Bank-Chef Cryan jüngst vor Analysten.

          Die Gunst für die Sparkassen in der deutschen Politik allerdings ist grenzenlos. „Die Sparkassen haben es mit ihrer Lobby immer leichter als die Privatbanken“, gesteht ein hochrangiger Regierungsmann aus der Union. „Schließlich haben viele unserer Leute dort Mandate.“ Im Zweifel ist der Landrat oder Bürgermeister vor Ort in einem Sparkassen-Gremium, entsprechend meldet er in die Hauptstadt, was Sache ist. Wenn den Sparkassen Gefahr droht, dann garantiert nicht aus Berlin, sondern von den Wettbewerbshütern der EU-Kommission in Brüssel. Deutschland sei mit dem System gut gefahren, verteidigt der Hohenheimer Banken-Professor Hans-Peter Burghof die Sparkassen: „Je dezentraler das Bankensystem, desto weniger riskant.“

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          Die Fehlentscheidung eines einzelnen Sparkassen-Chefs in der Provinz wiege weniger schwer, als wenn der Vorstandschef einer Großbank sich verschätzt, so geht seine Argumentation, dann wackelt womöglich gleich das ganze System. Dagegen stehen die Erfahrungen in der Finanz- und Schuldenkrise. In Spanien waren es Sparkassen, die wankten und die der Staat mit Steuergeld raushauen musste. Hierzulande waren es die Landesbanken, ebenso Teil der Sparkassen-Welt, die massenhaft Geld in hochriskanten, windigen Anlagen versenkt haben. Für das Desaster gehaftet hat auch hier am Ende der Steuerzahler. Dazu erklingt von den Sparkassen-Funktionären das hohe Lied vom Gemeinwohl.

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