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Später Renteneintritt : Jeder zweite Japaner über 65 Jahre arbeitet

Liebevolle Kleinarbeit: In Japan sind Mitarbeiter jenseits der gesetzlichen Altersgrenze keine Seltenheit Bild: LAIF

Die Europäer sollen länger arbeiten, die Japaner machen es schon. Finanzielle Gründe, aber auch der traditionell hohe Stellenwert der Arbeit erklären nach einer aktuellen Studie den japanischen Ausnahmefall.

          Atsushi Hayashi lächelt immer, wenn ein Fahrgast in sein Taxi steigt. „Ich bin jetzt 69 Jahre alt“, sagt er. „Seit fast 20 Jahren fahre ich Taxi.“ 69 Jahre und immer noch am Steuer? Hayashi streckt sich hinter dem Steuer und zuckt mit den Schultern. „Sehen Sie sich doch um“, antwortet er auf die Frage. „Junge Taxifahrer sehen Sie hier kaum. Außerdem brauche ich das Geld.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Was in Deutschland politisch stark umstritten ist, dass Menschen mit 67 oder 68 Jahren noch arbeiten, ist in Japan normaler Alltag. Zwar ist das offizielle Alter, in dem Japaner in Rente gehen dürfen, erst vor einigen Jahren angehoben worden und soll bis zum Jahr 2013 auf 65 Jahre steigen. Doch die Wirklichkeit sieht lange schon anders aus. Eine Studie des Japanischen Instituts für Arbeitsmarktpolitik hat dazu in dieser Woche bemerkenswerte Ergebnisse gebracht. 52 Prozent der Männer zwischen 65 und 69 Jahren sind demnach in Japan auch als Rentner weiterhin voll erwerbstätig. Bei den Frauen liegt der Anteil noch bei 34,7 Prozent.

          „Ist der Ehemann gesund und nicht zu Hause, ist es gut“

          Im internationalen Vergleich ist das ein bemerkenswertes Bild. Hayashi wundert sich auch: „Stimmt es, dass die Menschen in Europa gerade protestieren, weil sie ein bisschen länger als 60 Jahre arbeiten sollen?“, fragt er und schüttelt dabei den Kopf. „Am besten ist es, erst gar nicht an die Rente zu denken und weiterzuarbeiten. Das hält fit und gesund.“ Hayashi ist mit seiner Ansicht in Tokio durchaus kein Einzelfall. Auf die Frage, wo die Altersgrenze für die Rente liegen sollte, meinte immerhin jeder fünfte befragte Japaner, man solle sie doch am besten gleich ganz abschaffen.

          Vor allem Frauen sprechen sich dafür aus. Midori Sanka, deren Mann trotz seiner 71 Jahre nahezu jeden Tag für ein paar Stunden in seinen alten Betrieb geht, hält Altersgrenzen bei der Arbeit auch für Unsinn. „Wir haben ein schönes japanisches Sprichwort“, erklärt sie: „Teishu genki de rusu ga ii.“ Frei übersetzt bedeutet das: „Ist der Ehemann gesund und nicht zu Hause, ist es gut.“

          Die Regierung unterstützt diese Einstellung durch ihre Politik

          Warum arbeiten die Menschen in Japan länger? Auch dazu liefert die Studie der japanischen Arbeitsmarktforscher interessante Ergebnisse. Den meisten geht es wie Hayashi: Sie brauchen das Geld, um ihren Lebensstandard auch im Alter zu sichern. 60,1 Prozent der Männer zwischen 65 und 69 Jahren gaben finanzielle Gründe dafür an, auch im Alter weiter zu arbeiten. 81,5 Prozent von ihnen meinten, nur so lasse sich der Lebensstandard der Familie halten. 13,1 Prozent meinten, sie wollten ihren Lebensstandard steigern und sich etwas mehr Luxus gönnen.

          Die Regierung unterstützt diese Einstellung durch ihre Politik, die die Beschäftigung Älterer für die Unternehmen leicht macht. Sie geht davon aus, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt im Alter nicht allein durch Rente und private Vorsorge bestreiten, sondern eben auch durch Arbeit.

          Das Gehalt für die älteren Arbeitnehmer sinkt indes

          Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum so viele ältere Japaner von der Arbeit nicht lassen wollen. Viele derjenigen, die weiterhin in ihre Unternehmen gehen oder die als Selbständige jeden Gedanken an den Ruhestand verdrängen, sind noch in einer konfuzianistischen Tradition groß geworden, solange zu arbeiten, bis es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geht. „Deshalb haben wir in Japan noch immer die vorherrschende Meinung, dass es gut ist, so lange wie möglich zu arbeiten“, erklärt Professor Atushi Seike von der Keio-Universität in Tokio. Die aktuelle Studie der Arbeitsmarktforscher zeigt, dass diese Tradition auch heute noch stark verankert ist. Immerhin jeder vierte Mann zwischen 65 und 69 Jahren erklärte, dass Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Eingebundenheit in das Kollektiv der Hauptgrund dafür sei, auch nach dem offiziellen Rentenalter weiterzuarbeiten.

          Das Gehalt für die älteren Arbeitnehmer sinkt indes meistens. Wie etwa bei Kumiko Seiko. Früher war sie Verkäuferin, jetzt arbeitet sie als Reinigungsfrau und verdient nur noch knapp 60 Prozent ihres früheren Lohns. „Aber ich brauche das Geld“, sagt sie. Ihre Kinder könnten sie finanziell nicht unterstützen - denn wie viele junge Japaner haben sie keinen festen, gutbezahlten Job mehr. Nur eine kleine Minderheit, 1,5 Prozent der 65- bis 69-Jährigen, verdient im Ruhestand sogar mehr als vorher, 85 Prozent weniger.

          Fast alle der befragten Männer über 65 Jahre bekommen eine staatliche Rente, aber nur für 64,1 Prozent ist sie die Haupteinnahmequelle. 16,7 Prozent gaben an, für sie sei das Gehalt auch im Alter die wichtigste Einnahmequelle. Hayashi gehört dazu. „Aber sehen Sie mich an“, sagt er. „Ich bin trotz meines Alters fit. Und was sollte ich auch den ganzen Tag zu Hause in der engen Wohnung machen?“

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