https://www.faz.net/-gqe-8weba

Sozialversicherungen : Frankreich begrenzt Arbeitslosengeld

In Paris warten Arbeitslose in einer langen Schlange vor einer Nationalen Agentur für Arbeit. Bild: dpa

Während Deutschland die Agenda 2010 entschärft, gehen die Franzosen in die andere Richtung. Ältere Arbeitslose sollen kürzer Geld erhalten als bislang.

          Die staatliche Arbeitslosenversicherung soll in Frankreich weniger großzügig werden. Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich darauf geeinigt, das Arbeitslosengeld für einen Teil der älteren Versicherten nur noch zwei statt drei Jahre lang auszuzahlen. Dies soll dazu beitragen, die hohen Defizite zu verringern und zudem die Anreize für eine schnellere Arbeitsaufnahme zu erhöhen. In Frankreich wächst die Erkenntnis, dass eine umfangreiche Alimentierung der Arbeitslosigkeit kontraproduktiv ist.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit, aber auch wegen der umfangreichen Leistungen steckt das System tief in den roten Zahlen. Im vergangenen Jahr ist nach ersten Schätzungen ein Defizit von 4,3 Milliarden Euro angefallen – kaum weniger als im Vorjahr, doch deutlich mehr als zwischen 2010 und 2014. Der Schuldenberg türmt sich inzwischen auf gut 30 Milliarden Euro und wird in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter steigen.

          1,2 Milliarden Euro Entlastung

          Frankreich lässt seinen Arbeitslosen Leistungen zukommen, die im internationalen Vergleich als üppig gelten können. Anspruchsberechtigt ist man schon nach vier Monaten Beitragszeit – eine der kürzesten Perioden in der OECD. Im Durchschnitt erhalten die Arbeitslosen etwa 70 Prozent ihres früheren Nettogehalts aus der Arbeitslosenkasse. Bis zum Alter von 50 Jahren bestand dieser Anspruch bisher zwei Jahre lang, für Ältere sogar drei Jahre. Diese Grenze verschiebt sich nach der jüngsten Vereinbarung nun schrittweise von 50 auf 55 Jahre.

          Monatelang haben Arbeitgeber und Gewerkschaften über einen Kompromiss verhandelt. Seine vielen Einzelelemente addieren sich nach Auskunft des Arbeitgeberverbandes Medef auf eine Entlastung der Arbeitslosenkasse von rund 1,2 Milliarden Euro. Sie setzen sich zu 900 Millionen Euro aus Einsparungen und zu 270 Millionen Euro aus Einnahmesteigerungen zusammen. So mussten die Arbeitgeber eine Erhöhung ihrer Arbeitslosenbeiträge von 4 auf 4,05 Prozent schlucken. Anders sei eine Einigung nicht möglich gewesen, sagte ihr Verhandlungsführer Alexandre Saubot.

          Im Arbeitgeberlager war dieses Entgegenkommen umstritten, weil die Sozialabgaben für die Unternehmen schon sehr hoch sind. Auf der anderen Seite verschwindet nun ein Großteil der Steuern auf Kurzzeitverträge, die 2013 auf Druck der sozialistischen Regierung eingeführt worden waren. Die französischen Unternehmen greifen in hohem Maße auf Kurzzeitverträge zurück, die oftmals nur einige Wochen oder Monate gelten, um sich Flexibilität zu verschaffen. Denn bei den unbefristeten Verträgen herrscht ein scharfer Kündigungsschutz, durch den die Belegschaft nicht mit der Auftragslage atmen kann.

          Macron will Missbrauch stärker kontrollieren

          Mit ihrer Einigung wollen die Sozialpartner auch ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, dem laut den Umfragen gute Siegchancen eingeräumt werden, will die Verwaltung der Arbeitslosenversicherung den Sozialpartnern entreißen und unter das staatliche Dach holen. Wie die hohen Defizite bewiesen, seien Arbeitgeber und Gewerkschaften unfähig, die Arbeitslosenkasse vernünftig zu führen, argumentiert Macron.

          Allerdings plant er im Fall seiner Wahl auch eine Reihe von kostentreibenden Maßnahmen. So soll jeder Franzose einmal in fünf Jahren auch dann Arbeitslosengeld erhalten, wenn er selbst gekündigt hat. Dieser Anspruch besteht heute nicht. Gleichzeitig will Macron die Kontrollen gegen Missbrauch verstärken und dafür sorgen, dass die Arbeitslosen eine angebotene Stelle nur einmal ablehnen dürfen. Seine Kritiker sagen, der Plan führe zu Zusatzkosten von mehreren Milliarden Euro. Macron streitet das ab.

          Weitere Themen

          Führt Chekatts Spur nach Deutschland? Video-Seite öffnen

          Straßburg-Attentäter : Führt Chekatts Spur nach Deutschland?

          Zwei Tage nach dem Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt fehlt von dem mutmaßlichen Attentäter weiter jede Spur. Die Behörden fahnden öffentlich nach dem gebürtigen Straßburger Chérif Chekatt, der offenbar kurz vor der Tat einen Anruf aus Deutschland erhalten hatte.

          Der ratlose Präsident

          Macron und die Gelbwesten : Der ratlose Präsident

          Mit einer Rede im Fernsehen will Emmanuel Macron die „Gelbwesten“ besänftigen und mit „starken Maßnahmen auf die augenblickliche Wut antworten“. Die Hektik, mit der er vorgeht, zeigt, wie verunsichert er ist.

          Wie China zur Industrie-Supermacht werden will Video-Seite öffnen

          Asien in Zahlen – Teil 3 : Wie China zur Industrie-Supermacht werden will

          China will zu den stärksten Wirtschaftsmächten der Welt aufschließen. Die Regierung hat deshalb einen ambitionierten Plan aufgelegt, der das Land auch technologisch an die Spitze bringen soll. Im Rest der Welt ist „Made in China 2025“ umstritten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.