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Sozialreform : Reif für die Therapie

  • -Aktualisiert am

In Zukunft Wasser: Saufen und Stütze kassieren - damit soll jetzt Schluß sein Bild: picture-alliance / dpa

Hartz IV macht Druck: Suchtkranke werden jetzt vom Jobvermittler zum Arzt geschickt, um sie wieder erwerbsfähig zu machen. Wer sich nicht fügt, bekommt weniger Geld.

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          Für Jens Bründorf (Name geändert) dürfte das neue Jahr unbequem beginnen: Bisher ließ das Arbeitsamt den Dreiundvierzigjährigen weitgehend in Ruhe. Bekam er Stellenangebote zugeteilt, verpaßte er entweder das Vorstellungsgespräch oder stellte sich absichtlich dumm an. So konnte er zu Hause auf seine Arbeitslosenhilfe warten und sich ab und zu im „Kaiser's“- Supermarkt um die Ecke seine tägliche Ration holen: eine Flasche Korn, bis zu acht Flaschen Bier.

          So hielt er es seit Jahren - mal hatte er Arbeit, mal nicht. Hier und da ackerte er schwarz auf Baustellen, kurzfristig auch mit Lohnsteuerkarte. Irgendwann saß er sogar im Knast, weil er jemanden verprügelt hatte, natürlich betrunken. Wenn er richtig voll sei, werde er aggressiv, berichtet er. Ab und zu besuche er seine bettlägerige Mutter.

          Vorsprechen beim Fallmanager

          Warum er nicht arbeite, sondern Arbeitslosenhilfe beziehe? „Ich habe für meine Mutter dazusein“, sagt Bründorf, ein kleiner, linkischer Mann mit Kugelbauch und pechschwarzem Schnauzbart, der einen Antrag auf Arbeitslosengeld II (ALG II) gestellt hat. Seine bisherigen Berater in der Jobvermittlung des Arbeitsamtes interessierten sich nicht für seine Sucht. Von nun an aber muß Bründorf bei einem Fallmanager der Bundesagentur für Arbeit vorsprechen. Anders als seine Amtskollegen von früher hat dieser Fallmanager nicht bis zu 700 „Klienten“, sondern zunächst noch 150, später sollen es gar nur 75 sein.

          So kann er genaueren Einblick in den Alltag der ihm Anvertrauten nehmen. Wenn ihm der Verdacht kommt, daß Bründorf nicht arbeitet, weil er trinkt, gibt es zwei Möglichkeiten. Der Klient kümmert sich um sein Leben und um einen Job, oder er erhält weniger Geld aus der Staatskasse. Denn alles, was einer Wiedereingliederung in ein Arbeitsverhältnis im Wege steht, gilt als Hemmnis bei der Vermittlung und muß beseitigt werden.

          Bis zu 100 Euro weniger im Monat

          Jeder, der nicht chronisch krank ist und mindestens drei Stunden am Tag arbeiten kann, gilt als erwerbsfähig. „Natürlich könnte ich das“, gibt Bründorf zu. „Aber ich mach's nicht.“ Weil nun mit dem Fallmanager eine verbindliche „Eingliederungsvereinbarung“ getroffen wird, müßte Bründorf beispielsweise zum medizinisch-psychologischen Dienst der Arbeitsagentur gehen, der ihn zu einer Suchtberatung schickt - oder er sucht von sich aus eine solche Stelle auf. Weigert Bründorf sich, könnte er nach den Buchstaben von Hartz IV und Arbeitslosengeld (ALG II) künftig im Monat weniger Geld bekommen.

          Denn nur derjenige, der auch arbeiten kann, hat ein Anrecht auf das ALG II: Alle anderen bekommen das geringere Sozialgeld.
          Wer nur kassieren, aber nicht arbeiten will, dem werden in einer ersten Sanktion 30 Prozent abgezogen, das sind meist um die 100 Euro im Monat. Verweigert er sich weiter, werden die Bezüge noch einmal um 30 Prozent reduziert. Das klingt hart, aber damit verbindet sich die Hoffnung, daß dadurch Menschen erreicht werden, die sich selbst bisher völlig gehenließen, ohne daß sich jemand um ihre Defizite kümmerte und ihnen sagte, was sie gegen die Misere unternehmen könnten.

          2,7 Millionen Suchtkranke mit ALG II

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