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Sozialer Aufstieg : Die neue Klassengesellschaft

Die Herrschaft in der britischen Kultserie „Downton Abbey“ (erste Reihe von links): Gräfinwitwe Violet Crawley, Gräfin Cora Crawley und Seine Lordschaft Robert Crawley, Graf von Grantham. Bild: aus dem Bildband Die Welt von Do

Die Klassengesellschaft lebt. Soziale Mobilität wird überschätzt. Noch nicht einmal Revolutionen kehren die Verhältnisse um. Müssen wir alle zu Fatalisten werden?

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          Schlechte Nachrichten für die Freunde von Gerechtigkeit und Gleichheit: Wer die herrschende Klasse abschaffen und den Unterdrückten dieser Erde an die Macht verhelfen will, muss scheitern, mag er sich noch so anstrengen. Wer an Aufstiegschancen für jedermann glaubt, einerlei aus welcher Familie, Sippe oder Religion, ist ein Illusionär. Herkunft lässt sich nicht überspielen; was zählt, ist die Familie. Oben bleibt oben, und unten bleibt unten. Daran ändern weder deutsche Sozialpolitiker noch kommunistische Revolutionäre etwas.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Noch nicht einmal Mao hat es geschafft, die gesellschaftlichen Hierarchien in China umzukrempeln, obwohl er – grausamer geht es nicht – in den Jahren der Kulturrevolution Hunderttausende, vielleicht Millionen von Großgrundbesitzern, Geschäftsleuten oder Angehörigen der alten Intelligenzija umbringen ließ oder aus dem Land vertrieb.

          Von den Grausamkeiten ist das Land bis heute schwer traumatisiert. Doch eines hat Mao damit nicht vermocht: die Oberschicht auszurotten, die Habenichtse an die Macht zu bringen und ein Reich von lauter Gleichen zu schaffen. „Die Nachkommen der vorrevolutionären Eliten sind im heutigen China immer noch so dominant wie die Kaste der Brahmanen im heutigen Indien“, schreibt der Historiker Gregory Clark in einem neuen Buch, das für einiges Aufsehen sorgen dürfte. Das revolutionäre China nicht anders als die Klassengesellschaft Indien?

          Clark, ein Schotte, den die Karriere an die Universität von Kalifornien verschlagen hat, ist ein Enfant terrible seiner Zunft. Schon mit seinem 2007 erschienenen Buch „A Farewell to Alms“, in dem er die industrielle Revolution völlig neu deutet, erregte er Aufsehen. In der in diesen Tagen veröffentlichten Studie über das notwendige Scheitern aller Versuche sozialer Mobilität („The Son also Rises“) steckt indessen noch mehr Sprengkraft. Der Historiker will nachweisen, dass der Weg von unten nach oben praktisch nicht möglich ist (oder, vorsichtiger gesprochen, sich über Hunderte von Jahren hinzieht) und dass die Eliten, die schon oben sind, auch immer oben bleiben (oder, vorsichtiger gesprochen, Hunderte von Jahren oben bleiben).

          Dieses eherne Gesetz der sozialen Immobilität lasse sich in allen Gesellschaften zeigen, seien sie besonders egalitär (wie Schweden) oder besonders ungleich (wie Chile und die Vereinigten Staaten), seien sie besonders revolutionär (wie China) oder besonders konservativ (wie Großbritannien). Die sozialen Klassenverhältnisse bringen weder Revolutionen (Chile, China) zum Einsturz noch sozialstaatliche Interventionen (Amerika, Schweden, Deutschland), mögen die Staaten noch so viel gutgemeinte Milliarden Dollar oder Euro in die Verbesserung des Bildungssystems oder die Förderung armer, chancenloser Familien pumpen.

          Clark ist der Meinung, dass seine These auch der deutschen Wirklichkeit standhält. All die zu Herzen gehenden Tellerwäschergeschichten, wie der kleine Oliver Twist aus dem Armenhaus zu bürgerlichem Ansehen gelangt und der kleine René Obermann es aus dem Prekariat heraus an die Spitze der Deutschen Telekom schafft, wären demnach, statistisch gesehen, Einzelfälle, die ein falsches Bild von Chancengerechtigkeit vermitteln und bestenfalls unsere Wunschvorstellung von einer fairen Weltordnung befriedigen. Weil wir gerne in einer Welt sozialer Mobilität leben wollen, glauben wir, dass wir auch tatsächlich in einer solchen Welt leben.

          Ob Clarks Provokation, folgt man ihr, bloß eine schlechte oder auch eine gute Nachricht ist, hängt von der eigenen Klassenlage ab. Für jene Oberschichtseltern, die in ständiger Angst vor dem sozialen Absturz ihre Kinder schon als Babys auf Leistung trimmen und an teure Privatschulen und -universitäten schicken, weil die Konkurrenz bekanntlich nicht schläft, können die Forschungen Clarks deutliche Entspannung bringen. Kinder, deren Eltern und Großeltern ein ordentliches Vermögen, ein ansehnliches Einkommen, eine gute Ausbildung und hohe berufliche Reputation erworben haben, werden in aller Regel ihren Weg machen: Sie bleiben wohlhabend und behalten ihren sozialen Status, auch ohne dass ständig Druck auf sie ausgeübt werden muss.

          Wirft man Clark vor, er wolle die Klassengesellschaft zementieren, schüttelt er sich und entgegnet, er sei nur der Überbringer der Botschaft, für den die Ergebnisse seiner Forschungen selbst einen Schock bedeutet hätten. Eines freilich ist offenkundig: Im Dauerstreit, ob Familienveranlagung oder Umwelt die Menschen mehr beeinflussen, schlägt er sich eindeutig auf die Seite der vererbten Veranlagung.

          Der Historiker analysiert die Nachnamen

          Doch wie nur kommt der Historiker zu seiner steilen These? Die angelsächsische Wirtschaftsgeschichte arbeitet, anders als hierzulande, quantitativ: Man braucht etwas zum Zählen und zum Rechnen, am besten auch ein paar Formeln, um etwas beweisen zu können. Clark hat die geniale Idee, sich ausgefallene Nachnamen und ihre Verteilung unter typischen Berufen der Oberschicht (meist sind es Anwälte, Ärzte, Professoren) quer durch die Jahrhunderte in unterschiedlichen Ländern anzusehen. Natürlich gibt er zu, dass die Datenlage nicht überall optimal ist. Aber in Oxford und Cambridge zum Beispiel hat man die Matrikel (also die Namenslisten der Studenten) lückenlos seit dem Mittelalter bis heute.

          Nennen wir ein Beispiel: Auch bei uns ist die englische Familie Pepys (sprich: „peps“) bekannt, weil ein berühmter Vorfahre, der erste Sekretär der Englischen Admiralität, Samuel Pepys (1633 bis 1703), ein hinreißender Tagebuchschreiber war. Pepys war stets ein seltener Nachname, immer bedroht vom Aussterben. Im Jahr 1881 gab es nur 31 Pepyse, im Jahr 2002 nur noch achtzehn Angehörige dieser Sippe. Man kennt sie also alle. Selbst im 17. Jahrhundert verzeichneten die Pfarrbücher bei Taufen und Hochzeiten allenfalls 40 Leute mit diesem Namen. Und nun kommt der Clou: Seit dem Jahr 1496 haben sich an der Universität Cambridge insgesamt mindestens 58 Mitglieder der Familie Pepys eingeschrieben, zuletzt im Jahr 1995. Für einen durchschnittlichen Nachnamen, den derart wenige Menschen tragen, wären allenfalls zwei oder drei Akademiker zu erwarten gewesen. Von den 18 Pepyses, die im Jahr 2012 lebten, haben allein vier einen medizinischen Doktor.

          Das will sagen: Die Familie Pepys ist eine Familie der britischen Oberschicht, und zwar bereits seit dem späten 15. Jahrhundert. Die Voraussage, dass, wer in diese Familie hineingeboren wird, es einmal gut hat im Leben (zumindest gemessen an materiellen Kriterien), ist mit sehr geringem Risiko behaftet. Clark hat in Cambridge parallel eine Familie Peeps (das spricht sich fast genauso wie Pepys) ausfindig gemacht, die ebenfalls über die Jahrhunderte überschaubar blieb, die es aber - abgesehen von zwei Ausreißern im Jahr 1530 – nie an die Universität und in akademische Berufe geschafft hat. Die Vorstellung, dass Status und Fähigkeiten unserer Vorfahren vor zwölf Generationen unsere Chancen bestimmen, heute ein Arzt oder ein reicher Mann zu werden, lässt einen frösteln und verletzt unsere Gefühle, dass eine faire Gesellschaft jedermann gleiche Startchancen bieten sollte.

          Ähnlich wie mit den Pepyses hat Clark in allen von ihm untersuchten Ländern speziell der Oberschicht zuzuordnende Nachnamen entdeckt: In Schweden sind es im 17. Jahrhundert in den Adelsstand erhobene Familien (Leijonhufvud, Gyllenstjerna, Adlercreutz), in Indien ist es die oberste Kaste der Brahmanen (Banerjee, Chatterjee oder Mukherjee). Immer kommt dasselbe heraus: Sie halten sich überdurchschnittlich lange über die Jahrhunderte am oberen Ende der Gesellschaft, einerlei durch welche historischen Umwälzungen das Land hindurchgeht.

          Das Maß intergenerationeller Mobilität liegt in allen Gesellschaften zwischen 0,7 und 0,9, wobei 0 vollkommene soziale Mobilität bedeutet, während 1 völlige Starrheit der Klassen bedeuten würde. Frühere Untersuchungen hatten deutlich höhere Mobilität ermittelt, mit Werten zwischen 0,15 und 0,65. Der Fehler, so Clark, liegt darin, dass stets alle Kriterien der Zugehörigkeit zur Oberschicht (Einkommen, Wohlstand, Bildung, Berufsstand, Langlebigkeit) gleichzeitig berücksichtigt werden müssen: Wer bei Bill Gates nur auf die Bildung achtet, muss ihn als Versager ansehen, denn er hat nicht einmal ein Hochschulstudium absolviert. Aber Gates ist der reichste Mann der Welt, womit er dann doch für die Oberschicht in Frage kommt.

          Wenn weder politische Revolutionen noch finanzielle Interventionen zur Egalisierung taugen, was hülfe dann zu mehr Gleichheit? Die Antwort liegt nahe: Die Unterschicht muss in die Oberschicht heiraten – und umgekehrt. Denn das ist das beste Mittel, die Talente zu mixen und statistisch jene „Regression zur Mitte“ zu beschleunigen, welche die soziale Mobilität in Schwung bringen könnte. Doch die Menschen verhalten sich genau umgekehrt: Gleich und Gleich gesellt sich gern, und Reiche lieben am liebsten Reiche. Der Trend verstärkt sich sogar. Ob das ein Indiz dafür ist, dass es mit dem Wunsch nach Egalisierung, wird es konkret, doch nicht so weit her ist? Man könnte es meinen. Dass bestimmte Gruppen besonders lange Elite (Juden, Kopten, Brahmanen) oder Unterschicht (Schwarze in Amerika, Sinti) bleiben, dürfte jedenfalls auch mit dem sozialen Paarungsverhalten der Menschen zusammenhängen.

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