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Soziale Unterschiede : Abschied von der Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Für viele Betroffene hat der soziale Abstieg einen Namen: Hartz Vier Bild: picture-alliance/ dpa

Die Finanzkrise wirft ein neues, grelles Licht auf Ungleichheiten, die sich seit Jahrzehnten verschärft haben. In Umfragen beklagt eine wachsende Mehrheit der Deutschen einen Mangel an Gerechtigkeit. Gerechtigkeit wird zum Wert Nummer 1, hat der Freiheit längst den Rang abgelaufen. Zu unrecht, kritisiert Historiker Paul Nolte im F.A.Z.-Gastbeitrag.

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          Wir sind dabei, uns von der Gerechtigkeit zu verabschieden. Die Finanzkrise wirft nur ein neues, grelles Licht auf Ungleichheiten, die sich seit Jahrzehnten verschärft haben. Seit etlichen Jahren tönt es im beinahe wöchentlichen Rhythmus neuer sozialwissenschaftlicher Studien: Der Abstand zwischen dem gesellschaftlichen „Oben“ und „Unten“ ist gewachsen in einer Weise, die man sich in der Hochphase von bundesrepublikanischem Wirtschaftswunder und Sozialstaat nicht mehr vorzustellen traute.

          Die Reichen werden reicher, auf diesen Punkt bringen es bündig der Volksmund und der Boulevard. Auch wer hart arbeitet, seine Kinder erzieht und sein Haus in Ordnung hält, ist vor dem sozialen Abstieg nicht mehr sicher, wird vom Staat nicht mehr hinreichend geschützt, kann auf die Zukunft nicht mehr bauen: Ist das etwa gerecht? So ungefähr sieht das Szenario des „Abschieds von der Gerechtigkeit“ aus, der den Beginn des 21. Jahrhunderts kennzeichnet.

          Was hat es mit diesem Bild der sozialen Kluft, des Abstiegs, des Scheiterns der Gerechtigkeit auf sich? Die realen ökonomischen und sozialen Entwicklungen sollen hier im Hintergrund bleiben. Es ist unbestritten, dass die Gesellschaft der Bundesrepublik im Laufe einer Generation in vieler Hinsicht ungleicher geworden ist und dass viele Menschen mit neuen Risiken umgehen müssen.

          Der Boulevard schürt Ängste, die von der Realität weit entfernt sind

          Der Abstand zwischen den Einkommen aus Kapital und denen aus Erwerbsarbeit ist gestiegen. Einst selbstverständliche soziale Leistungen sind eingeschränkt worden, durch den Wegfall eines 13. Monatsgehaltes hier oder die Zuzahlung zu Arzneimitteln dort. Lebensverhältnisse haben sich dramatisch verändert, mit der Folge der Armut alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder.

          Diese kurze Aufzählung macht aber auch deutlich: Die Ursachen für das, was wir als Zunahme von Ungleichheit und Verlust von Gerechtigkeit wahrnehmen, sind vielfältig. Es gibt die neue Armut Alleinerziehender und Kinderreicher, dafür kaum mehr eine altersspezifische Armut.

          Die Diskussion braucht neue Qualität

          Die Folie, vor der wir heute Abstieg und soziale Krise diskutieren, ist oft ein romantisierendes Zerrbild der „vorneoliberalen Ära“ der sechziger und siebziger Jahre, die in Wirklichkeit von Kargheit, von Sparsamkeit, von „auf den Pfennig schauen“ auch in der Mittelschicht gekennzeichnet war; eine Zeit, in der „Gastarbeiter“ in Barackenlagern untergebracht waren und in der das Gymnasium eine Eliteschule, nicht die Gesamtschule der Mittelschichten war, die es heute ist.

          Die Beispiele zeigen auch, dass die gefürchtete Globalisierung sehr wohl für einen Teil der neuen Risiken verantwortlich ist, aber keineswegs für alle. Wenn die Verwaltungsangestellte und der Professor auf das 13. Monatsgehalt verzichten mussten, hat das mit der Einsicht zu tun, dass die Verschuldung der öffentlichen Haushalte nicht endlos weiter nach oben treiben kann.

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