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Soziale Gerechtigkeit : Nachhilfe ist abhängig vom Ehrgeiz und Geldbeutel der Eltern

Gehen diejenigen zur Nachhilfe, die sie besonders brauchen? Weit gefehlt. Bild: dpa

Nachhilfe nehmen in Deutschland nicht die Schüler, die sie besonders nötig hätten, sondern vor allem Wohlhabende. Das ist längst ein Milliardenmarkt. Forscher äußern eine Sorge.

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          Der deutsche Nachhilfemarkt wächst. Doch erhalten nicht vor allem diejenigen private Nachhilfestunden, die sie am nötigsten hätten, sondern Kinder, deren Eltern sich besonders stark um das Fortkommen des Nachwuchses sorgen.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          Das zeigt eine Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die an diesem Donnerstag veröffentlicht worden ist. Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen haben dafür eine Vielzahl von Studien ausgewertet und zusätzlich rund 400 Nachhilfeinstitute befragt.

          Schüler der ersten Klasse gehen noch kaum zur Nachhilfe. Unter den Achtjährigen sind es nach neueren Zahlen 6 Prozent. Recht üblich ist kommerzielle Nachhilfe dann unter den 15-Jährigen: Rund 30 Prozent nehmen sie in Anspruch.

          Unzufrieden mit Schulen

          Nach Schätzungen wird gut eine Milliarde Euro im Jahr für Nachhilfe außerhalb der Schule ausgegeben. Seit den siebziger Jahren sei der Markt für kommerzielle Nachhilfe deutlich gewachsen, heißt es in der Studie.

          Gründe sind nach den Erkenntnissen der Forscher der gestiegene Leistungsdruck und ein verschärfter Wettbewerb um aussichtsreiche Bildungswege, was den Ehrgeiz der Eltern befeuere. Hinzu komme eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Schulsystem.

          Dass ihre Kinder in den Nachhilfestunden bestimmte Inhalte lernten, sei den Eltern nicht so wichtig, es gehe ihnen vor allem um gute Noten. „Es sind auch längst nicht mehr nur die Versetzungsgefährdeten, die zur Nachhilfe angemeldet werden, sondern immer häufiger Dreier-Kandidaten“, berichten die Studienautoren und erkennen eine „Kommerzialisierung und Privatisierung an den Rändern der Bildungslandschaft“.

          Nachhilfe ist also oft eine Folge von elterlichem Ehrgeiz – und hängt stark von der finanziellen Lage ab. So nehmen 13 Prozent der Kinder aus ärmeren Familien, deren Eltern weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, bezahlte Nachhilfestunden. In der Mittelschicht sind es rund 20 Prozent. In Elternhäusern mit einem Einkommen, das doppelt so hoch ist wie das mittlere Einkommen, ist es ein Drittel.

          Das spiegelt sich in der Kundenstruktur der befragten Nachhilfeinstitute. Nach deren Angaben kommen gut 60 Prozent der Schüler aus der mittleren Mittelschicht, ein Viertel aus der oberen Mittelschicht und 2 Prozent aus der Oberschicht. Aus den unteren Schichten stammten nur rund 10 Prozent der Nachhilfeschüler. Die Forscher aus Duisburg-Essen sehen die schon länger kursierende These bestätigt, kommerzielle Nachhilfe verstärke die soziale Ungleichheit.

          Daran hat auch das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes nichts geändert. Es existiert seitdem Jahr 2011 und soll die Bildungschancen von Kindern aus ärmeren Familien verbessern. Zu den Leistungen gehören auch private Nachhilfestunden, die bisher aber nur von wenigen Prozent der anspruchsberechtigten Schüler genutzt werden. Das liegt nach Angaben der Forscher einerseits an Informationsdefiziten der Antragssteller und andererseits an einem hochformalen bürokratischen Antragsverfahren. Die Leistung ist zudem an sehr restriktive Bedingungen geknüpft. So wird sie in der Regel nur Schülern gewährt, deren Versetzung gefährdet ist.

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