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Soziale Benachteiligung : Kinderarmut in Großbritannien wächst

  • -Aktualisiert am

London lockt griechische Käufer Bild: Reuters

Die Regierung wollte den Lebensstandard vieler Menschen verbessern. Doch ein aktueller Bericht kommt zu einem traurigen Ergebnis: Soziale Benachteiligung und Jugendarbeitslosigkeit steigen.

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          Der Lebensstandard der unteren Einkommensschicht in Großbritannien sinkt so sehr, dass die Regierung mit ihrer derzeitigen Politik keine Chance hat, Millionen von Erwachsenen aber auch Kinder aus der Armut zu befreien. In keinem Land der Europäischen Union ist der Unterschied zwischen Arm und Reich so extrem und Kinderarmut so verbreitet wie in Großbritannien. Das Problem ist so eklatant, dass Großbritannien im Jahr 2010 gar ein Gesetz mit großer Mehrheit aller Parteien beschloss, die Kinderarmut bis zum Jahr 2020 auszurotten.

          Doch die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise, die schmerzvolle Haushaltssanierung und der schrumpfende Lebensstandard der Briten machen der Regierung einen Strich durch die Rechnung. Nach einer Berechnung des Institute for Fiscal Studies werden sowohl die relative wie auch die absolute Armut von Erwachsenen, von Eltern und von Kindern bis zum Jahr 2020 steigen. Die relative Armut trifft auf Personen zu, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Bevölkerung des entsprechenden Betrachtungsjahres ausmacht. Absolute Armut wird definiert, wenn das Einkommen - auch künftiger Jahre - unter den Vergleichswert des Jahres 2010 sinkt.

          Nach den Berechnungen des Instituts wird ein Viertel aller britischen Kinder im Jahr 2020 in Familien mit relativer Armut leben. Das sind 3,3 Millionen Minderjährige. Derzeit sind es „nur“ 2,6 Millionen. Die Zahl der Kinder in Haushalten in absoluter Armut wird von derzeit 17 auf später 23 Prozent steigen mit entsprechend höherer Armut der Eltern. Wer Familien dieser Einkommensschicht beobachtet, ist bestürzt darüber, wie schlecht viele Kinder mit Chips, Pizza und Softdrinks durchgefüttert werden, dass sie keine anständige Winterkleidung haben und schon in jungem Alter benachteiligt sind.

          „Es zeigt, dass die Regierung praktisch keine Chance hat, die Kinderarmut - wie sie 2010 im Gesetz definiert wurde - mit jetziger Politik auszumerzen“, warnt das Institute of Fiscal Studies. „Die Regierung kann sich nicht einfach nur auf eine höhere Beschäftigung und ein entsprechend höheres Einkommen verlassen.“ Ohne Änderungen am Arbeitsmarkt, ohne Reformen der Sozialsysteme und einer größeren Umverteilung durch Steuern und Zuschüsse in bisher nie gekanntem Ausmaß sei nicht zu erkennen, wie die Armut in den kommenden zehn Jahren so drastisch reduziert werden soll.

          Die Armutsdiskussion erhält neue Nahrung, da die Arbeitslosenquote im Sommer auf 8,1 Prozent gestiegen ist. Fast 2,6 Millionen Briten sind arbeitslos. Dies sind so viele wie seit 17 Jahren nicht. Mehr als 990000 Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren finden keine Stelle. Dies ist ein Rekordwert. Sowohl ihre Arbeitslosigkeit wie auch die aussichtslose Lage älterer Personen von mehr als 65 Jahren am Arbeitsmarkt sind deutlich gestiegen.

          Dies bedeutet, dass nicht nur eine ganze Generation von Jugendlichen vom Arbeitsmarkt desillusioniert ist. Auch die Rechnung der Regierung, dass ältere Arbeitnehmer länger berufstätig sein sollen, geht nicht auf. Eigentlich strebt die britische Regierung an, dass ältere Menschen möglichst lang im Berufsleben verweilen, damit das Rentensystem, das nicht auf die steigende Lebenserwartung ausgerichtet ist, entlastet wird.

          Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Opposition, Liam Byrne, und der Generalsekretär des Gewerkschaftskongresses TUC, Brendan Barber, kritisierten die Regierung: „Das ist der klare Beweis, dass die Regierung zu schnell zu scharfe Einschnitte mit ihrer Sparpolitik unternommen hat. Es schadet der Konjunktur und dem Arbeitsmarkt“, sagte Byrne. Die Regierung indessen hält an ihrem Sparprogramm fest und verweist auf die ausufernden Staatsausgaben der Vorgängerregierung und die Folgen der Finanzkrise.

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