https://www.faz.net/-gqe-12jas

Sozialarbeit : Ein Euro Investition bringt 3,90 Euro Sozialgewinn

Sozialrendite: Der soziale Hilfe lässt sich auch in monetärer Größe ausdrücken Bild: dpa

Mit betriebswirtschaftlichen Methoden macht man sich in der Sozialarbeit nicht nur Freunde. Das Konzept der Sozialrendite wurde in Kalifornien entwickelt, um Obdachlosenhilfen zu bewerten. In Zeiten knapper Budgets könnte es auch in Deutschland helfen.

          3 Min.

          „Ihr verwirtschaftlicht das Soziale.“ „Projektarbeit ist komplexer als Kennziffern.“ „Indikatoren sind beliebig.“ Thorsten Jahnke kennt die Vorwürfe, die an ihn gerichtet werden, wenn er über Sozialrenditen und den geldwerten Erfolg von Non-Profit-Organisationen spricht. Aber weil er sie kennt, hat er auch den Konter perfektioniert: Soziale Projekte auf ihren Ertrag hin zu untersuchen muss keineswegs zu Mittelkürzungen führen. Vielmehr erleichtert es, Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen, argumentiert der Geschäftsführer der Unternehmensberatung IQ Consult, die ihre ökonomischen Kenntnisse Organisationen aus dem sozialen Sektor vermittelt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit betriebswirtschaftlichen Methoden in der Sozialarbeit macht man sich beileibe nicht nur Freunde. Das hat auch Gerhard Krayss erlebt. „In sozialen Projekten fehlt bislang eine Evaluierungskultur. Viele stehen ökonomischen Methoden skeptisch gegenüber“, urteilt der Projektmanager der Bertelsmann-Stiftung. Aber eine Methode wie der Social Return on Investment (SROI) liefere nicht nur Kennziffern, um den tatsächlichen Erfolg zu messen. Der Bewertungsprozess führe auch dazu, dass die Projekte sehr viel transparenter würden. „Man muss sich dann endlich mal hinsetzen und sich fragen, was man bewirkt“, sagt Krayss.

          Gesellschaftlicher Nutzen als monetäre Größe

          Das Konzept der Sozialrendite wurde in den achtziger Jahren in Kalifornien entwickelt, um Obdachlosenhilfen zu bewerten. In den Vereinigten Staaten ist die Tradition, Projekte zu evaluieren, sehr viel ausgeprägter. Hunderte SROI-Fallstudien sind dort schon entstanden. Beispielsweise konnte ermittelt werden, welchen gesellschaftlichen Nutzen es hat, Straffällige in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn die eingesparten Kosten der Gefängnisunterbringung und für Sozialtransfers lassen sich als monetäre Größen darstellen.

          In Europa sind Forschergruppen um den Briten Jeremy Nicholls und den Niederländer Peter Scholten führend, die jeweils rund 50 Studien erstellt haben. Die britische Vodafone Stiftung setzt das Instrument jedesmal ein, wenn sie über Fördergelder entscheidet. Eine Handvoll Untersuchungen gibt es dagegen erst im deutschsprachigen Raum. Praktiker wie Jahnke und Krayss setzen aber darauf, dass die Instrumente künftig stärker gefragt sein könnten. In Zeiten knapper Kassen verlangen die öffentliche Hand und Wohlfahrtsverbände, die volkswirtschaftliche Wirksamkeit nachzuweisen. „Mit dem Verfahren kann man sagen, in welchen gesellschaftlichen Winkeln Mehrwert erzeugt wird, und stellt das den Investitionen gegenüber“, erläutert Jahnke.

          Große ethische Sorgfalt vorausgesetzt

          Erst kürzlich hat er eine Studie vorgelegt, in der die Sozialrendite seines Förderprojekts „Enterability“ errechnet wurde, in dem behinderte Berliner auf dem Weg in die Selbständigkeit unterstützt werden. Sie bleibt nicht bei der üblichen Übersicht solcher Projekte stehen. Wie viele Betroffene erfolgreich gegründet haben, wie viele auch ein Jahr später noch am Markt sind - das sind nur die Basisdaten. Aus den eingesparten Sozialtransfers, der erwirtschafteten Kaufkraft und den Einkommenseffekten durch zusätzlich geschaffene Arbeitsplätze errechnet die Studie eine Kennziffer. 3,90 Euro sozialen Gewinn wirft jeder investierte Euro ab, lautet das Ergebnis.

          „Solche Einzelwerte sind problematisch, wenn sie nicht offenlegen, welche Schätzwerte ihnen zugrunde liegen“, kritisiert der österreichische Sozialforscher Rainer Loidl-Keil, der die erste deutschsprachige SROI-Studie verantwortet hat. Wichtig sei, dass Berichte vollständig darstellen, wie die Ergebnisse zustande kommen, so wie es der über Enterability vormacht. Zudem setzt die Monetarisierung große ethische Sorgfalt voraus. Wer das Instrumentarium nutzt, müsse sehr geschult sein, verlangt Marcellus Bonato, Professor für Pflegepädagogik in Münster: „Wenn die Analyse der Beteiligten unvollständig war, beeinflusst das stark die Ergebnisse.“ Deshalb bietet er am Institut für Praxisentwicklung und Evaluation Schulungen an, in denen Mitarbeiter von Sozialorganisationen auch die Tücken des SROI kennenlernen.

          Allgemeine sozialpolitische Schlussfolgerungen?

          Die Methode sei weit mehr als eine rein betriebswirtschaftliche Analyse, betont Gerhard Krayss von der Bertelsmann-Stiftung. Außer den Kosten und den modellierten sozioökonomischen Folgen gehen in die Analyse auch qualitative soziale Faktoren ein. „Selbst eine negative Rendite könnte sich motivierend auf die Mitarbeiter auswirken. Die Sozialrendite erlaubt eine sozialpolitische Interessenabwägung“, argumentiert er. Gemeinsam mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat er kürzlich dem Bundesfamilienministerium eine SROI-Analyse vorgelegt. Sie untersucht, wie sich generationenübergreifendes, barrierefreies Wohnen auf die Lebensqualität und den Gesundheitszustand von Pflegebedürftigen auswirken.

          Das ZEW leitet aus seiner Studie allgemeine sozialpolitische Schlussfolgerungen ab. So könne es gelingen, Beiträge in der Pflegeversicherung zu sparen, wenn in solche Projekte investiert werde. Vor allzu weitreichenden Vergleichen allerdings warnt Marcellus Bonato von der Fachhochschule Münster. Man dürfe auf keinen Fall fahrlässig Koeffizienten miteinander vergleichen, die sich konzeptionell unterscheiden. „Wenn aber vergleichbare Projekte mit einem einheitlichen Index untersucht werden, kann das Anhaltspunkte für den Erfolg liefern.“

          Weitere Themen

          Die große Armut kehrt zurück

          Folgen der Corona-Krise : Die große Armut kehrt zurück

          Die Vereinten Nationen und die Entwicklungsbanken schlagen Alarm. Die Corona-Krise trifft Millionen bitterarme Menschen. Die Arbeitslosigkeit steigt und die humanitäre Hilfe steht vor Engpässen.

          Mainzer Goldgrube im Kampf gegen die Pandemie Video-Seite öffnen

          Globaler Hoffnungsträger : Mainzer Goldgrube im Kampf gegen die Pandemie

          Voriges Jahr war die Mainzer Biotechnologiefirma Biontech noch weithin unbekannt, nun hat sie sich zum globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen die Corona-Pandemie gemausert. Zusammen mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer entwickelte Biontech einen nach eigenen Angaben zu mehr als 90 Prozent wirksamen Impfstoff gegen das Virus.

          Nestlé verspricht 200 Millionen Bäume

          Lebensmittelkonzern : Nestlé verspricht 200 Millionen Bäume

          Der Schweizer Nahrungsmittelriese will nachhaltiger werden. Mit einem Investitionsvolumen von rund 3,2 Milliarden Franken sollen die Treibhausgasemissionen drastisch reduziert werden. Das gefällt auch den Investoren.

          Topmeldungen

          Frankreichs Premierminister Jean Castex in Paris

          Corona-Pandemie : So sieht Frankreichs Impfstrategie aus

          Frankreich hat sich nach eigenen Angaben mehr Impfdosen gesichert, als es Einwohner hat. Schon bald soll eine große Impfkampagne starten. Bloß: 59 Prozent der Franzosen wollen sich gar nicht gegen Covid-19 impfen lassen.

          EU-Aufbaufonds : Ungarn und Polen drohen leer auszugehen

          Die EU-Kommission bereitet nach F.A.Z.-Informationen in Absprache mit den anderen Ländern vor, den Aufbaufonds ohne Polen und Ungarn in Kraft zu setzen. Sie hat mehrere Möglichkeiten.
          Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden, auf einer Pressekonferenz in Stockholm am 31. März

          Schwarze-Peter-Spiel : Wer ist schuld an den vielen toten Schweden?

          Die zweite Corona-Welle trifft Schweden mit voller Wucht. Auf der Suche nach den Verantwortlichen geraten die Regionen ebenso in den Fokus wie die Gesundheitsbehörde und die Regierung in Oslo.
          Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

          Houellebecq über Religion : Was glauben Sie denn?

          Er bezeichnet sich als Atheist, einige seiner Figuren konvertierten zum Islam: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq über die vielen Facetten der Religion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.