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Sozial und rentabel (1) : Milde Gaben für das Armenhaus

Indien: Auf dem Land kommt der neue Reichtum oft nicht an Bild: REUTERS

Indien ist zum Wachstumsliebling avanciert. Doch immer noch lebt knapp ein Viertel der Inder unter der Armutsgrenze. Oft sind es die Unternehmen, die sich für sie engagieren. Auch aus Eigennutz. Erster Teil der neuen FAZ.NET-Serie „Sozial und rentabel“.

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          Indien ist der jüngste Wachstumsliebling der Weltwirtschaft. Aus 9,2 Prozent könnten mittelfristig 10 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts werden. Indische Unternehmen übernehmen rund um die Erde Wettbewerber. Indien besitzt Atomwaffen und spielt seine wachsende Macht auf der globalen politischen Bühne aus. Der wirtschaftliche Aufschwung und die milliardenschwere Entwicklungshilfe aus dem Ausland haben in den vergangenen Jahren die Zahl der Bedürftigen in Indien stark verringert.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der wachsende Wohlstand in den Städten führt freilich in die Irre: Das Land zwischen Himalaja und Indischem Ozean wird auf Jahre hinaus ein Armenhaus bleiben. Wer Indien nur mit den steigenden Börsenkursen des Sensex, mit der zunehmenden Kaufkraft einer noch jungen Mittelschicht und explodierenden Immobilienpreisen gleichsetzt, verschließt die Augen vor dem wahren Indien.

          Ein knappes Viertel unter der Armutsgrenze

          Immer noch lebt ein knappes Viertel der Inder unterhalb der Armutsgrenze. Das Pro-Kopf-Einkommen, berechnet nach Kaufkraft, liegt bei 3400 Dollar im Jahr. Zum Vergleich: In China lebt ein Zehntel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, das Durchschnittseinkommen liegt bei 6800 Dollar. Mehr als 1500 Kinder sterben in Indien an Durchfallerkrankungen - täglich.

          Computernation...

          Auf der jüngsten Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Singapur beschrieb Ravindra Kumar, Chefredakteur der Tageszeitung „The Statesman“, das wirkliche Indien jenseits der Leuchtreklamen Bombays: „Stellen Sie sich vor, eintausend Kinder werden geboren. Von ihnen sterben - statistisch betrachtet - 80 bis 90, bevor sie fünf Jahre alt werden. Von den verbliebenen 910 Kindern schaffen es 875 in eine Grundschule. Bis sie zehn Jahre alt werden, haben 350 von ihnen die Schule verlassen. Es bleiben 525 Kinder. Von ihnen machen gerade einmal 175 einen höheren Schulabschluß. 825 der eintausend indischen Kinder aber sind dann schon tot oder längst ohne Bildung ausgeschieden.“

          Soziale Projekte gehören zum guten Ton

          Sonia Gandhi, führende Politikerin des Landes, faßt es so zusammen: „Die Wirtschaft darf nicht auf Kosten unserer sozialen Verantwortung wachsen.“ Entsprechend ihrem sozialen Umfeld haben sich zahlreiche indische Unternehmer seit Jahrzehnten engagiert. „Für Unternehmer in Indien gehört es zum guten Ton, sich in sozialen Projekten zu engagieren“, sagt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf.

          Sicher, es gibt sie, und es gibt sie oft in Indien: die Umweltsünder, die Ausbeuter, diejenigen, die Kinder zu Bedingungen wie im Manchester-Kapitalismus schuften lassen. Aber es gibt auch die anderen, die den oft unfähigen Regierungen ein Stück ihrer Verantwortung zum Schaffen erträglicher Lebensumstände abnehmen. Indische Unternehmer organisieren Blutspendedienste und Schülerfreizeiten, verschenken Computer und bauen Schulen, helfen Blinden und Gelähmten, bringen Erwachsenen Lesen und Schreiben bei, gründen Krankenhäuser.

          Milde Gaben genügen nicht

          Mit - durchaus nützlichen - milden Gaben indes ist es nicht getan. „Ein neues, integriertes Geschäftsmodell verbreitet sich“, sagt Arun Maira, Chairman der Berater von Boston Consulting: „Heute ist es mehr und mehr gefragt, den Menschen Gutes zu tun und zugleich den Gewinn zu steigern.“ Der Softwarekonzern Satyam etwa hat 300 Bauern die englische Sprache und Grundkenntnisse am Computer beigebracht. Heute arbeiten sie für Satyam in Andhra Pradesh. „Es ist ein völlig anderer Ansatz als der philanthropische, den viele amerikanische Unternehmen verfolgen: Hier bilden Unternehmen aus, um die eigenen Gewinne abzusichern. So profitieren beide Seiten - das Unternehmen und die Gesellschaft“, sagt Maira.

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