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Sonntagsökonom : Tabaksteuern machen glücklich

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Rationaler Süchtiger? Von wegen: Eine hohe Tabaksteuer macht die Menschen glücklicher, weil sie es ihnen erleichtert, das Rauchen aufzugeben. Der Politiker denkt anders - und leidet.

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          Der Ärger der Betroffenen ist groß: Schon wieder ist die Tabaksteuer angehoben worden, schon wieder soll sie noch weiter steigen. Und der Ärger der Politiker ist auch groß: Anstatt brav Tabaksteuer zu bezahlen, weichen die unverschämten Raucher auf selbstgedrehte oder selbstgeschmuggelte Zigaretten aus, was die Steuereinnahmen deutlich mindert, und ganz unverschämte Raucher werden gar zu Abstinenzlern.

          Als Raucher wehrt man sich natürlich gegen eine solche staatliche Fiskalbevormundung, welche der Staat mit gesundheitspolitischen Argumenten verbrämt: Als erwachsener Mensch wisse man selbst, was man dem eigenen Körper zumuten will - schließlich habe man ein Recht auf Genuß. Glaubt man Jonathan Gruber und Sendhill Mullainathan von der Universität Cambridge, so weiß der Staat aber anscheinend besser als die Raucher, was gut für die Freunde des gepflegten Tabakgenusses ist: Sie glauben herausgefunden zu haben, daß hohe Tabaksteuern die Bürger eines Landes glücklicher machen.

          Modell eines "rationalen Süchtigen"

          Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene ökonomische Verhaltensmodelle, die Suchtprozesse wie das Rauchen erklären. Das Modell eines "rationalen Süchtigen", das man beim Nobelpreisträger Gary Becker nachlesen kann, postuliert einen Raucher, der Nutzen und Kosten des Rauchens sorgsam gegeneinander abwägt und dabei auch die zukünftigen Nutzen und Kosten mit in sein Kalkül einbezieht. Für dieses Idealbild eines mündigen Rauchers, der vor allem auch die Folgen in der Zukunft korrekt antizipiert, bedeuten Tabaksteuern einen Wohlfahrtsverlust - er will in vollem Bewußtsein der Folgen des Rauchens rauchen und muß dafür mehr zahlen.

          Anders der Willensschwache

          Anders hingegen verhält es sich mit Rauchern, die ein sogenanntes zeitinkonsistentes Verhalten aufweisen: Sie haben mit Selbstkontrollproblemen zu kämpfen. Sie würden zwar gerne weniger rauchen, schaffen es aber nicht, weil sie dem gegenwärtigen Genuß zu Lasten der ferner liegenden Zukunft erliegen. In einer modifizierten Variante dieses Modells kann man auch annehmen, daß diese Raucher sich irren, was die möglichen Folgen ihrer Sucht angeht. In beiden Fällen kommt unter dem Strich heraus, daß höhere Tabaksteuern diese Menschen glücklicher machen würden: Die hohen Steuern wären ihnen beim Entschluß, weniger zu rauchen, eine willkommene Entscheidungshilfe, und das Resultat dieser Steuern - sie rauchen weniger - würde sie glücklicher machen.

          Welches dieser Menschenbilder stimmt also nun: der souveräne und selbstverantwortliche Raucher oder der Süchtige, der den Verlockungen der Gegenwart erliegt - auf Kosten der zukünftigen Gesundheit?

          Gruber und Mullainathan haben versucht, diese Frage zu beantworten, indem sie umfangreiche Umfragen ausgewertet haben, die in den Vereinigten Staaten und Kanada regelmäßig erhoben werden. Neben den Rauchgewohnheiten wurden die Befragten auch danach gefragt, wie glücklich sie sich denn einschätzen. Neben diesen Umfragen nutzen Gruber und Mullainathan auch die Tatsache, daß in beiden Staaten mehrfach die Tabaksteuern angehoben wurden - dieser Umstand muß sich dann natürlich auch in den jährlichen Umfragen niedergeschlagen haben.

          Statistische Geschicklichkeit

          Ein wenig statistische Geschicklichkeit war nun aber schon vonnöten: Um verschiedene Schwierigkeiten in den Daten zu umgehen, haben die beiden Ökonomen zuerst anhand einer Schätzung ermittelt, wer denn die potentiellen Raucher sind. Anhand mehrere soziologischer und ökonomischer Merkmale haben sie ermittelt, wer ein potentieller Raucher und ein potentieller Nichtraucher ist. Daran anschließend konnte man nun die Ergebnisse der Umfragen nutzen und eine ganz einfache Frage stellen: Haben höhere Tabaksteuern die potentiellen Raucher glücklicher oder unglücklicher gemacht als die potentiellen Nichtraucher?
          Das Ergebnis ist eindeutig: Jeder Penny zusätzlicher Tabakbesteuerung senkt unter den amerikanischen Rauchern die Wahrscheinlichkeit, unglücklich zu sein, um 0,15 Prozentpunkte, sagen Gruber und Mullainathan. In Kanada schätzen die beiden Forscher diesen Effekt auf 0,048 Prozentpunkte. Damit ist für die beiden Ökonomen, zumindest was diese Daten angeht, eindeutig belegt, daß der Mensch - zumindest was das Rauchen angeht - nicht der freie, selbstbestimmte Bürger ist, als den ihn die Modelle vom rationalen Süchtigen modellieren.

          Eine hohe Tabaksteuer macht die Menschen also glücklicher, weil sie es ihnen erleichtert, das Rauchen aufzugeben. Die Politiker scheint das allerdings nicht glücklich zu machen: Sosehr sie auch betonen, man wolle genau dies auch erreichen, so sehr beklagen sie auch den Rückgang der Steuererträge, wenn die Zahl der Nichtraucher steigt - auch Politiker scheinen manchmal nicht ganz so rational zu denken. Aber eigentlich haben wir das ja schon gewußt, oder?

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