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Sonntagsökonom : Kinder sind Privatsache

Bild: F.A.Z.

Der Wohlfahrtsstaat preist seine Kinderliebe. Tatsächlich hat er die Kinder als Beitragszahler schon längst vereinnahmt. Das ist unmenschlich.

          Sprachforscher mögen erschrecken. Doch in der Nüchternheit der ökonomischen Theorie ist es hilfreich, Kinder als Güter zu analysieren. Als liebenswerte Güter, sicher, aber doch als Güter. Kinder können Konsumgüter sein, weil sie in der Regel den Eltern große Freude bereiten. Kinder können auch Investitionsgüter sein, weil sie den Eltern im Alter zur Seite stehen und nicht nur finanziell unter die Arme greifen können.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Wahrscheinlich ist die Entscheidung für ein Kind eine Mischung aus beiden Motiven. Beide lassen es ratsam erscheinen, eigenes Geld für die eigenen Kinder auszugeben, weil sie den Eltern Nutzen bringen. Vom Staat Geld für die Kindererziehung zu verlangen entspricht insoweit der Forderung des Mercedes-Fahrers, die Regierung solle ihm den Betrieb finanzieren. Die ökonomische Theorie, die diese Forderung überzeugend stützt, ist noch nicht erfunden.

          Die Entscheidung der Eltern für ein Kind ist immer eine sehr persönliche. Das steht im Einklang mit dem Ansatz der Ökonomik, die subjektiven Interessen des einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen, und es entspricht dem normativen Individualismus, der bei näherer Betrachtung die Basis der Wirtschaftswissenschaft und einer freiheitlichen Gesellschaft bildet.

          Menschlichkeit mit Füßen getreten

          In der politischen Diskussion wird dieses Kernelement der Ökonomik in der Regel mit den Füßen getreten - und damit die Menschlichkeit, die der Lehre von der Wirtschaft eigen ist. Oder ist es menschenwürdig zu nennen, daß Kinder gepriesen werden, nicht zur Freude der Eltern und des Kindes, sondern um die Rentenkasse liquide zu halten? Daß Politiker beklagen, Deutschland verdumme, weil viele gering Gebildete und kaum Akademiker Kinder zeugten? Entspricht es der Menschlichkeit, daß, gewollt oder ungewollt, Kinderlose bei der Pflegeversicherung mit einem Malus belegt wurden und mehr einzahlen müssen als Eltern, die ihre vermeintliche Pflicht für das Gemeinwohl erfüllt haben?

          Ökonomen, die sich der liberalen Grundprinzipien ihres Faches bewußt sind, sind solche Gedankengänge fremd. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind mögen sie nüchtern analysieren - und werden sie in der politischen Empfehlung allein den Eltern überlassen. Die Politiker des deutschen Wohlfahrtsstaates haben diese Zurückhaltung schon lange abgelegt. Sie haben die künftigen Einkommen von Kindern durch Generationenverträge sozialisiert. Nun sind sie auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, daß die Deutschen sich hinreichend vermehren, damit das gesetzliche Renten- und Krankenversicherungssystem nicht auseinanderbricht. Das aus ordnungspolitischer Sicht wichtigste Argument für eine Umstellung der Sozialversicherungen auf eine individualisierte Kapitaldeckung ist deshalb nicht, daß dies die Finanznöte des Sozialstaates mindert. Entscheidend ist, daß ein solcher Schritt den unheimlichen Drang der Politik bremsen würde, Kinder und Menschen insgeheim als Eigentum der Gesellschaft zu sehen.

          Kinderliebe zum Wohle der Staatsfinanzen

          Besonders bizarre Blüten zeigt dieser Drang, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Das wohlklingende Pathos offenbart seine dunklen Seiten erst auf den zweiten Blick. Das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend hat 2003 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ein Gutachten erstellen lassen mit dem Ziel, die "Brutto-Einnahmeeffekte öffentlicher Haushalte und Sozialversicherungsträger bei einem Ausbau von Kindertageseinrichtungen" zu prüfen. Das Ergebnis ist entlarvend. Danach ist der Ausbau von Kindertagesstätten vorteilhaft, weil "erwerbswillige Mütter aufgrund eines besseren Kinderbetreuungsangebots erwerbstätig sein und Erwerbseinkommen erzielen können, wodurch die Einnahmen aus Steuern und Sozialbeiträgen steigen". Der tiefere Sinn der politischen Kinderfreundlichkeit ist demnach nicht die Kinderliebe an sich; auch nicht eine Selbstverwirklichung von Müttern in der Arbeitswelt, sondern allein der Finanzierungsbeitrag für den Staat.

          Einer freiheitlichen Gesellschaft steht das ebensowenig an wie die fixe Idee, daß mehr Frauen und Mütter einer bezahlten Arbeit nachgehen sollten, um des Wirtschaftswachstums willen. Die hiesige Frauenerwerbstätigkeit liegt mit 59 Prozent niedriger als etwa in den Vereinigten Staaten. Nur ein Drittel der Frauen mit Kleinkindern geht arbeiten. Ist das gut oder schlecht, eine Vergeudung von Humankapital gar? Ein Ökonom kann auf diese Frage keine Antwort geben, und tut er es doch, glänzt er mit unfundierter Meinungsmache. Ein Ökonom kann nur sagen: "Wenn die Mütter es so wollen und wenn sie an der Aufnahme einer bezahlten Arbeit nicht gehindert werden, ist es in Ordnung." Finanzielle Engpässe, die die Auslagerung der Kindererziehung aus der Familie erschweren, sind aus ökonomischer Sicht indes kein Hindernis, sondern nur eine Nebenbedingung. Sonst wären wir wieder beim Mercedes-Fahrer.

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