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Sonntagsökonom : Fleiß macht sich bezahlt

„Herr A et al.” Bild: F.A.Z.

Mehrarbeit in wirtschaftlichen Schwung zu verwandeln gelingt nicht von heute auf morgen, und es ist kein Allheilmittel gegen Konjunkturkrisen. Doch beschleunigen mehr Arbeitsstunden auf Dauer das Wachstum der Wirtschaft.

          3 Min.

          "Die 35-Stunden-Woche schafft Arbeitsplätze - in Fernost." Dem Kampfslogan der Unternehmer war in den achtziger Jahren kein Erfolg beschieden; die 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie kam - und auf das versprochene Arbeitsplatzwunder warten die Deutschen noch heute. Nun heißt es: "40 Stunden und mehr je Woche schaffen Arbeitsplätze." Wieder ist die These umstritten. Arbeitgeber sehen in einer Verlängerung der Arbeitszeit einen Beitrag zur Überwindung der Wachstumsmisere. Gewerkschaften sagen, daß Mehrarbeit kein Wachstum schaffe und auch keine neuen Arbeitsplätze.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Volkswirtschaftslehre bietet intellektuelle Hilfestellung. Wird Mehrarbeit vergütet, erwirtschaften die privaten Haushalte höhere Einkommen. Und weil mehr Geld im Portemonnaie ausgegeben werden will, kann das zusätzliche Einkommen die Nachfrage beleben und die Gesamtwirtschaft schneller wachsen. So weit, so gut.
          Viele Unternehmen aber fordern heute Mehrarbeit ohne Lohnausgleich. Unsinn, sagen die Gewerkschaften, das schafft keine Nachfrage nach zusätzlich produzierten Gütern.

          Das ist zu kurz gedacht. Wird für das gleiche Einkommen länger gearbeitet, sinken die Lohnstückkosten. Das regt Unternehmer an, mehr Arbeit einzusetzen und mehr Beschäftigte einzustellen, auch, aber nicht nur, weil die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Konkurrenten sich erhöht. So steigen - gesamtwirtschaftlich gesehen - die Arbeitseinkommen und die Nachfrage. Nach Berechnungen der Hypo-Vereinsbank würde eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde die Lohnstückkosten um drei Prozent drücken. Bis 2010 könne dies 300000 neue Arbeitsplätze bringen.

          Zu kurz gedacht

          Falsch, meinen viele, wir arbeiten mehr, als der Tarif vorschreibt. Wo soll da noch Wachstum entstehen? Tatsächlich lag die tarifliche Arbeitszeit eines durchschnittlichen Vollzeitarbeiters im Verarbeitenden Gewerbe 2002 bei 36 Stunden, die effektive Wochenarbeitszeit aber bei 39,9 Stunden. 3,9 Stunden je Woche müssen die Arbeitgeber also mit Überstundenzuschlägen teuer bezahlen. Eine Erhöhung der tariflichen Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden würde diese Zuschläge entfallen lassen - und die Lohnstückkosten senken.

          Aber, warnen Gewerkschafter, längere Arbeitszeiten treiben uns in die Deflation, in eine Spirale sinkender Preise und des wirtschaftlichen Niedergangs. Das ist zum zweiten Mal zu kurz gedacht. Eine Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn senkt die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme nicht. Deshalb sind längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich ja so sozialverträglich. Die Lohnkosten je Stunde sinken, ohne daß der Arbeiter weniger in der Tasche hat. Die Kaufkraft der Arbeitnehmer steigt sogar, weil die Güterpreise sinken oder weniger stark steigen können. Das stärkt die Nachfrage. Deflationsgefahren bei einem solch positiven Angebotsschock? Keine Spur.

          Verzweifelt bringen Gewerkschafter ihr letztes Gegenargument. Mehrarbeit verbessere die Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Unternehmen nicht, wenn auch in anderen Ländern mehr gearbeitet werde. Ein gefährlicher Wettlauf werde in Gang gesetzt, der keinem helfe. Das ist ein drittes Mal zu kurz gedacht. Erstens dienen niedrigere Stundenlöhne in Deutschland nur zweitrangig der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Sie dienen zuvorderst der Wettbewerbsfähigkeit von Arbeitslosen, die eine Chance auf Beschäftigung erhielten. Angesichts von rund sechs Millionen Arbeitslosen ist das durchschnittliche Lohnniveau hierzulande viel zu hoch. Und weil, zweitens, Mehrarbeit in Deutschland das Wachstum steigert, steigert Mehrarbeit in anderen Ländern auch das Wachstum dort. So stellen sich alle besser.

          Mehrarbeit schafft mehr Arbeit

          Mehrarbeit in wirtschaftlichen Schwung zu verwandeln gelingt nicht von heute auf morgen, und es ist kein Allheilmittel gegen Konjunkturkrisen. Doch beschleunigen mehr Arbeitsstunden auf Dauer das Wachstum der Wirtschaft. Mehrarbeit schafft so mehr Arbeit für alle. Immer gilt die Erkenntnis von Jean Baptiste Say, daß sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft - wenn Güter- und Arbeitsmärkte wettbewerblich organisiert sind und das Güterangebot den Geschmack der Kunden trifft. Den wachstumspessimistischen Deutschen fällt es schwer, diese Erkenntnis anzunehmen, auch weil die Voraussetzungen angesichts verkrusteter Märkte und Arbeitsmärkte nicht zur Gänze gegeben sind. Diese Bedingungen kann und muß man ändern.

          Ist das alles graue Theorie? Nein. Selten können Ökonomen ihre Gedankengänge im Realexperiment überprüfen. Dieses Jahr ist insoweit ein Glücksfall. Vier bundesweite oder regionale Feiertage fallen auf einen Sonntag, zwei weitere auf einen Samstag. Im rechnerischen Standard schuften die Deutschen 2004 im Durchschnitt 3,3 Arbeitstage mehr als üblich. Ökonomen wissen, was das bedeutet. Sie können auf der Erfahrung jahrelanger Datenreihen grob den Wachstumsschub berechnen, der sich aus zusätzlichen Arbeitstagen ergibt.

          Danach werden die Deutschen in diesem Jahr 1,2 Prozent mehr Tage arbeiten und das Wirtschaftswachstum um etwa 0,6 Prozentpunkte steigern. Rund ein Drittel der wirtschaftlichen Erholung von vielleicht 1,8 Prozent kommt dadurch zustande, daß die Deutschen länger Hand anlegen. Mehrarbeit lohnt sich für die Gesamtwirtschaft. Viele Deutsche haben das vergessen. Zwischen 1960 und 2002 ist ihre durchschnittliche jährliche Arbeitszeit um 716 Stunden auf 1445 Stunden gesunken. Man mag das als schönen Luxus empfinden. Luxus aber hat seinen Preis.

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