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Sonntagsökonom : Auf lange Sicht sind wir alle tot

Bild: F.A.Z.

Ideen beeinflussen die Welt: Vor siebzig Jahren veröffentlichte John Maynard Keynes die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Ein Rückblick auf die Folgen.

          3 Min.

          In Bälde jährt sich zum 70. Mal das Erscheinen des wirtschaftspolitisch wohl einflußreichsten Buches. Am 4. Februar 1936 erschien in England die "General Theory of Employment, Interest and Money" von John Maynard Keynes. Das Buch ist ein Klassiker der ökonomischen Literatur und nur in wenigen Teilen leicht zugänglich. Zugespitzt ist die "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" am besten zu verstehen, wenn man sie als ein volkswirtschaftliches Drama auffaßt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Geizige und sparwütige Menschen sind gefangen in Ängsten vor der unsicheren Zukunft und konsumieren zuwenig. An den Finanzmärkten tummeln sich raffgierige Spekulanten, deren Anlageurteil rationale Investitionsentscheidungen nicht mehr zuläßt. Wie die Sparer horten ängstliche Unternehmer mit unsicheren Erwartungen lieber das Geld, anstatt es zu investieren. All dies führt dazu, daß die "gesamtwirtschaftliche Nachfrage", die Keynes in die Volkswirtschaftstheorie einführt, zu gering ausfällt, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Die Wirtschaft ist in Unterbeschäftigung gefangen.

          Liquiditäts- und Investitionsfallen

          In teils wortgewaltigen, teils umständlichen theoretischen Ausführungen wettert und polemisiert Keynes gegen die klassische Theorie, nach der eine Volkswirtschaft zwar Krisen erleben kann, nach der freie Märkte aber auf lange Sicht von alleine zur Vollbeschäftigung zurückfinden. "Auf lange Sicht sind wir alle tot", lautet Keynes' berühmtes Diktum, mit dem er ein blindes Vertrauen in den Markt attackiert. Sei es, daß die Menschen aus Angst vor der Zukunft unbegrenzt viel Geld halten wollen (Liquiditätsfalle), sei es, daß die Unternehmer trotz niedrigster Zinsen einfach nicht mehr investieren wollen (Investitionsfalle), die Regierung könne durch staatliche Investitionen Vollbeschäftigung herbeiführen. Eine Politik des leichten Geldes helfe in dem Fall, in dem die nominalen Löhne nicht fallen können. Damit dies funktioniert, müssen die Arbeitnehmer freilich schon übersehen, daß durch höhere Inflation ihre Reallöhne gesenkt werden sollen.

          Diese - hier stark vereinfacht dargestellte - Interpretation von Keynes ist unter Ökonomen am verbreitetsten, wurde von den glühendsten seiner Anhänger aber nie geteilt. Joan Robinson sprach von „Bastard-Keynesianismus“. Doch war sie Grundlage für den Erfolg des Buches. Der Wirtschaftswissenschaft öffnete Keynes den Blick auf den großen Einfluß von individuellen Erwartungen auf die Wirtschaft. Er öffnete zugleich die Perspektive der Makroökonomik, in der - böswillig gesagt - rein statistischen Beziehungen zwischen gesamtwirtschaftlichen Größen wie dem Konsum oder der Investition Aussagekraft zugesprochen wird und die Analyse des menschlichen Handelns unter Bedingungen der Knappheit ins Hintertreffen gerät.

          Freibrief für die Politik

          Vor allem aber beeinflußte die Allgemeine Theorie wie kein anderes Buch die Wirtschaftspolitik. Geradezu begierig griffen Politiker die Idee auf, daß freie Märkte der Hilfestellung durch die Politik bedürften, um Arbeitslosigkeit zu verhindern. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigte sich Keynes' Schlußwort, daß auf lange Sicht Ideen die Welt beeinflussen - zum Guten wie zum Schlechten. Die in den siebziger Jahren kläglich gescheiterten Versuche, mit staatlicher Schuldenaufnahme für Investitionsprogramme und dem fast unbegrenzten Banknotendruck die Konjunktur anzukurbeln, gründen im Keynesianismus. Die heute gewaltige staatliche Schuldenlast und die kräftige Geldentwertung in den siebziger Jahren mit zweistelligen Inflationsraten sind Teil des Keynesschen Erbes. Im Kern war solcher politischer Aktivismus von Keynes unter dem Eindruck der Großen Depression und der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren gewollt.

          Aber war Keynes ein Ökonom, der die wirtschaftliche Freiheit zugunsten des Staates mißachtete? Das Urteil fällt zweischneidig aus. In der Allgemeinen Theorie finden sich - trotz der Kritik an der Spekulation an den Finanzmärkten - lobende Passagen über freie Märkte. Keynes stellt auch fest, daß die Erwartung einer sozialdemokratischen Labour-Regierung oder eines "New Deal" wie im Amerika der dreißiger Jahre das Geschäftsklima der Unternehmer beeinträchtigen und die wirtschaftliche Entwicklung schädigen könne. Zugleich aber teilt er den Regierungen die Aufgabe zu, auch durch eine geldpolitische Steuerung der Investitionen Sorge zu tragen, daß die gesamtwirtschaftliche Nachfrage immer groß genug sei. Die Bedenken von freiheitlich Gesinnten, daß diese Aufgabe im politischen Prozeß zu Fehlsteuerungen führen werde, daß Politiker nicht im platonischen Sinne das Allgemeinwohl verfolgen, sondern Eigeninteressen wie den nächsten Wahlsieg, hatte Keynes nicht.

          An der Grenze der Selbstüberschätzung

          Das Zutrauen in die Politiker entsprang auch seinem großen Selbstbewußtsein, das an die Grenze der Selbstüberschätzung reichte. Der große intellektuelle Gegenspieler von Keynes, der Ökonom Friedrich August von Hayek, berichtete einst über das letzte Zusammentreffen der beiden im Jahr 1946. Hayek fragte Keynes, ob er nicht Sorge habe, daß die wirtschaftspolitischen Ableitungen seiner Anhänger zu einem Inflationsschub führen würden. Sollte dies je passieren, werde er einige Aufsätze schreiben und so die Sache aus der Welt schaffen, entgegnete dieser sinngemäß. Wenige Wochen später war Keynes tot. Die in seinem Namen inszenierte „Große Inflation“ hat er nicht mehr erlebt.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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