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Softwarekonzern : Microsoft hält deutsche Datensorge für schädlich

Angezapft: Wer genau an welchem Server hängt, ist nur schwer nachvollziehbar. Bild: dpa

Der amerikanische Softwarekonzern ist selbst tief in den Strudel der Spionageaffäre geraten. Nun hat der Deutschland-Chef des Konzerns Sorge, dass die Deutschen „das Kind mit dem Bade ausschütten“.

          Der Softwarekonzern Microsoft Corp. sieht in der hitzigen Debatte, die derzeit in Deutschland über die NSA-Affäre geführt wird, eine Gefahr für den Standort. „Wir haben Sorge, dass hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird“, sagte Deutschland-Chef Christian Illek im Gespräch mit Journalisten in New York. Nach seiner Einschätzung wird die Diskussion hierzulande lauter geführt als etwa in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, und dies könnte Deutschland auf Zukunftsfeldern wie „Cloud Computing“, wo es ohnehin Nachholbedarf gebe, als Standort zurückwerfen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          So könnte die Bereitschaft von Unternehmen gebremst werden, Teile ihrer Informationstechnologie in die Datenwolke des Internet („Cloud“) auszulagern, sprich in externe Rechenzentren. Illek sagte, Branchentrends wie „Cloud Computing“ und „Big Data“ ließen sich nicht davon aufhalten, dass Deutschland eine andere Einstellung zur NSA-Affäre habe als andere Länder.

          Ähnlich wie der deutsche Microsoft-Statthalter hatte sich kürzlich schon Dieter Kempf geäußert, der Präsident des Branchenverbandes Bitkom. Kempf sagte, nach den jüngsten Enthüllungen über Datenschnüffeleien des amerikanischen Geheimdienstes habe er Zweifel, ob die Branche in Deutschland ihre bisherigen Wachstumsprognosen für das Geschäft mit „Cloud Computing“ erreichen werde. Der Verband hatte bislang vorausgesagt, dass der Umsatz mit Cloud-Diensten in Deutschland in diesem Jahr um fast 50 Prozent auf 7,8 Milliarden Euro wächst.

          Microsoft-Manager Illek warnte in dem Gespräch auch vor negativen Konsequenzen jenseits der Technologieindustrie. Etwa mit Blick auf den Trend zur vernetzten Produktion oder „Industrie 4.0“ in eher traditionellen Branchen wie dem Automobil- oder Maschinenbau, wo Deutschland sich bislang gegenüber anderen Ländern im Vorsprung wähnt. „Wir dürfen uns unsere Chancen nicht verbauen“, sagte Illek.

          In Spähprogramm Prism eingebunden

          Microsoft ist selbst allerdings tief in den Strudel der Spionageaffäre geraten. Nach den Medienberichten, die auf Informationen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zurückgehen, gehört der Konzern zu einer Gruppe von sieben amerikanischen Unternehmen, die in das Spähprogramm „Prism“ eingebunden sind. Microsoft spielte in den bisherigen Berichten sogar eine besonders prominente Rolle. So soll der Softwarekonzern schon im Jahr 2007 als erstes Unternehmen zum „Prism“-Programm gestoßen sein. Ende vergangener Woche beschrieb die Zeitung „Guardian“ zudem am Beispiel Microsoft so detailliert wie noch bei keinem anderen genannten Unternehmen den Umfang der angeblichen Zusammenarbeit mit den amerikanischen Geheimdiensten. So habe Microsoft den Behörden Zugang zu einer Reihe seiner Angebote verschafft, darunter die E-Mail-Programme Outlook.com und Hotmail, der Online-Speicher Skydrive sowie der Telefondienst Skype. Der Bericht ließ offen, ob Microsoft intensiver mit der Regierung kooperiert als die anderen Konzerne, die mit Prism in Verbindung gebracht werden, wie etwa Google, Facebook oder Apple.

          Microsoft hat die Vorwürfe in ähnlicher Form wie die anderen Unternehmen zurückgewiesen und gesagt, der Regierung werde kein direkter und kein flächendeckender Zugang zu den Computersystemen ermöglicht. Illek wiederholte diese Position im Gespräch vor Journalisten. Microsoft und die anderen Unternehmen können allerdings aufgrund von Schweigepflichten nur in sehr begrenztem Umfang Auskunft über etwaige Verbindungen zum Geheimdienst geben und haben die Regierung aufgefordert, ihnen mehr Freiheit bei der Offenlegung zu geben. „Das Vakuum an Information führt zu Unsicherheit“, beklagte Illek.

          Allerdings erwartet der Microsoft-Manager nicht, dass die amerikanische Regierung deutlich größere Transparenz zu ihren Geheimdienstprogrammen zulassen wird. Er setzt darauf, dass zumindest Gespräche auf politischer Ebene zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland der Affäre ihre Brisanz nehmen. „Ich hoffe, dass diese Diskussion wieder abflaut.“

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