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Smog in Paris : Ruhe auf der achtspurigen Schnellstraße

Bild: reuters

Über der französischen Hauptstadt hängt eine Feinstaub-Glocke. Die Regierung hat deswegen ein Fahrverbot verhängt- Leihfahrräder und öffentliche Verkehrsmittel sind dafür kostenlos.

          Die Avenue Charles de Gaulle ist eine der wichtigsten Einfallstraßen in die französische Hauptstadt. Jeden Morgen stehen auf der achtspurigen Schnellstraße mitten durch eines der teuersten Wohngebiete Frankreichs zigtausende Autos im Stau. Doch an diesem Montag fließt der Verkehr wie an einem Feiertag: Grund dafür ist das teilweise Fahrverbot, das die französische Regierung wegen der andauernden Feinstaubverschmutzung verhängt hat. Nur Fahrzeuge, deren Kennzeichen mit einer ungeraden Zahl endet, dürfen in Paris und den umliegenden Départements fahren.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          An diesem Dienstag haben dann Autos und Motorräder, deren Kennzeichen mit einer geraden Zahl endet, das Fahrrecht. Überwacht wird das Fahrverbot von 700 Polizisten, die an 60 Kontrollpunkte in der Stadt ausgeschwärmt sind. 22 Euro Bußgeld müssen Franzosen zahlen, die das Fahrverbot nicht respektieren.

          Hohe Diesel-Subventionen

          Die Regierung sah sich zu der drastischen Maßnahme – zum ersten Mal seit dem Jahr 1997 – gezwungen, nachdem in der Hauptstadtregion fünf Tage in Folge die zulässigen Höchstwerte für Feinstaub-Partikel überschritten worden waren.

          Schon seit Jahren wird in Paris über den Smog diskutiert; geschehen ist nichts. Frankreichs Präsident Francois Hollande feuerte im vergangenen Juli Umweltministerin Delphine Batho, auch weil sie ihn mit der Forderung nach einer Preisangleichung zwischen Benzin und Diesel-Kraftstoffen genervt hatte.

          Denn obwohl Rudolf Diesel Deutscher war, die eigentliche Diesel-Nation ist Frankreich: Die wechselnden französischen Regierungen fördern den Kraftstoff seit Jahrzehnten, indem sie ihn weniger besteuern als normales Benzin. 70 Prozent der Neuwagen in Frankreich fahren mit Diesel. Der französische Rechnungshof hat ausgerechnet, dass der Staatskasse jährlich 6,9 Milliarden Euro Steuereinnahmen wegen der Förderung des Diesel-Kraftstoffes entgehen.

          Rechtspopulisten umwerben Autofahrer

          Die Weltgesundheitsorganisation WHO wiederum hat ermittelt, dass 42.000 Franzosen pro Jahr frühzeitig wegen der Feinstaubbelastung sterben. Doch die französischen Automobilhersteller haben sich bislang erfolgreich gegen eine Änderung der französischen Treibstoffpolitik gewehrt. So hat vor allem der angeschlagene PSA-Konzern (Peugeot und Citroen) fast ausschließlich auf die Dieseltechnologie gesetzt.

          Verkehr wie an einem Feiertag - in Paris dürfen heute viele Autos nicht fahren.

          Der scheidende Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe stöhnte kürzlich, er habe Millionen in alternative Transportmittel investiert, aber die Regierung habe seine Versuche durch die Dieselbegünstigung zunichte gemacht. Paris hat ein Leihfahrradsystem (Vélib) und einen Elektroautoverleih (Autolib) entwickelt, demnächst soll ein Leihbetreib für Motorroller hinzukommen. Eine neue Straßenbahn (Tramway) hat das Metro- und Schnellbahnnetz ergänzt. Zudem wurden eigene Bustrassen geschaffen.

          Die Luftverschmutzung ist dabei vor allem auf die Pendler zurückzuführen, die nicht auf ihr Auto verzichten wollen. Denn nur jeder zweite Pariser Haushalt besitzt überhaupt ein Auto. Mit 105 Quadratkilometer Stadtfläche ist Paris eine der am dichtesten besiedelten und zugleich kleinsten Metropolen der Welt. Unter den Autofluten aus dem Umland säuft die Stadt nahezu vollständig ab. Auf dem 33 Kilometer langen „Périphérique“, dem Autobahnring drängen sich täglich drei Millionen Fahrzeuge.

          Kurz vor den Kommunalwahlen am 23. und 30 März birgt die Debatte politischen Sprengstoff. Die rechtsextreme Front National wirbt um die Autofahrer, die sich über das Fahrverbot ärgern. Die Regierung aber will zeigen, dass sie nach jahrelangen Versäumnissen endlich bereit ist, zu handeln. Am Montag blieben alle öffentlichen Verkehrsmittel sowie die Leihfahrräder kostenlos.

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