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Erstmals Smog-Alarmstufe „Rot“ : Was bringt ein Fahrverbot für Pekings Luft?

Mit der Maske auf dem Weg zur Arbeit: Passanten in Peking Bild: AP

Chinas Hauptstadt versinkt wieder mal im Smog. Nun muss fast die Hälfte der Autos stehen bleiben. Die Wirksamkeit der Zwangsrationierung ist umstritten.

          Am Dienstagmorgen erwachte die chinesische Hauptstadt wieder mal im Smog. Knapp 300 Mikrogramm Feinstaub per Kubikmeter Luft zeigte die Messung auf dem Dach der amerikanischen Botschaft. Das ist das Zwölffache des Werts, bei dem laut Weltgesundheitsorganisation WHO die Gefährdung des menschlichen Lebens einsetzt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          So weit, so schrecklich normal für den Moloch im Reich der Mitte. Waren dort in der vergangenen Woche doch sogar mehr als doppelt so hohe Belastungswerte in der Luft gemessen worden. Chinas berühmtester Unternehmer, der Internet-Multimilliardär Jack Ma vom in New York börsennotierten Alibaba-Konzern, jammerte daraufhin, er wünsche sich, ein Alien zu sein und auf einen anderen Planeten zu entfliehen. Vor allem aber der in den Internetforen zig-millionenfach nachzulesende Unmut der chinesischen Durchschnittsbevölkerung dürfte der Grund gewesen sein, warum Peking am Dienstag eine Premiere erlebte: anders als in der vorangegangenen Woche, als die Behörden nur die zweithöchste Warnstufe und kein groß angelegtes Fahrverbot verhängten, riefen sie am Dienstag trotz weit weniger bedrohlicher Verschmutzungswerte die höchste Warnstufe aus: die mit der Farbe „Rot“.

          „Rot“ bedeutet in Peking: jedes Dritte Behördenfahrzeug muss stehen bleiben. Bauarbeiten im Freien werden eingeschränkt, besonders umweltverschmutzende Betriebe geschlossen. Vor allem aber wird das Verkehrsaufkommen per Fahrverbot reduziert. Je nach Uhrzeit und Wochentag dürfen nur Autos mit gerader oder ungerader Endziffer auf dem Nummernschild auf den Straßen Pekings unterwegs sein. Wer dagegen verstößt, zahlt umgerechnet 15 Euro Strafe und erhält drei Strafpunkte, ab zwölf muss die Fahrprüfung wiederholt werden. Um elf Uhr vormittags sanken die Feinstaubwerte von den morgendlichen 300 prompt auf 250. Um ein Uhr mittags waren sie allerdings auf 370 gestiegen, trotz Fahrverbot. Was also bringt der Auto-Bann?

          Auch im Smog bleibt Zeit für Späßchen

          Die Frage ist berechtigt. Obwohl die meisten deutschen Städte vor mehr als fünf Jahren Umweltzonen mit Fahrverboten für ältere Autos ohne Rußpartikelfilter eingerichtet hatten, stieg die Feinstaubbelastung unverdrossen an. Wind hatte den Feinstaub in die Städte hereingeweht, Regen und harte Winter sorgten ebenfalls für erhöhte Werte. Die Kritiker der Umweltzonen als Sinnbild symbolfreier Ökosymbolik fühlten sich bestätigt. Die Erklärung etwa der Berliner Umweltverwaltung, die Wirkungslosigkeit ihres Prestigeprojekts Umweltzone könne am Wetter liegen, änderte daran wenig.

          In Peking gibt es zwar keine Umweltzone, aber Fahrverbote je nach Nummernschild. Taxis, öffentliche Busse, Fahrzeuge von Polizei, Feuerwehr, Krankenhäusern und Militär sind nicht betroffen. Eingeführt wurde die Zwangsrationierung erstmals während der Olympischen Sommerspiele im Sommer 2008, den Lungen und Leistungen der Sportler zuliebe. Seitdem gibt es Fahrverbote vor allem anlässlich internationaler Konferenzen oder hoher Staatsbesuch in der Stadt, während denen der Pekinger Himmel prompt auch jedes Mal in Blau erstrahlt ist. Wie das Fahrverbot bei der Bevölkerung ankommt, ist nicht ganz klar, weil in China verlässliche Umfragen fehlen. Eine Erhebung aus den vergangenen Jahren hat eine überwältigende Mehrheit für den Autobann ergeben, eine andere eine überwältigende Ablehnung. Zweifelsfrei ist, dass den ärmeren Bevölkerungsschichten die Luftqualität herzlich egal sein dürfte, sie benötigen ihr Fahrzeug auf die eine oder andere Art zum Geldverdienen.

          Haben sie damit Recht? Kann nicht auch in China der ausschlaggebende Faktor für blauen oder grauen Himmel das Wetter sein? Zweifellos leiden die Pekinger besonders dann unter Atemnot, wenn der Wind ungünstig steht und den Ausstoß Hunderter Kilometer von der Hauptstadt entfernter kohleverbrennender Betriebe herüberweht.  Auch die vielen veralteten Kohleöfen in den Wohngebäuden haben großen Einfluss auf die Luftqualität. „Die einzige langfristig erfolgreiche Lösung des Problems ist die Reform von Chinas kohledominiertem Energiesystem“, sagt Calvin Quek vom Pekinger Büro der Umweltorganisation Greenpeace.

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