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Merkel-Besuch in Peking : Sind die goldenen Zeiten in China vorbei?

Deutschland wird immer abhängiger von China. Bild: dpa

Die Kanzlerin tourt durch China. Mit an Bord sind viele Topmanager. Kein Wunder: Die Firmen sorgen sich im wichtigsten Markt der Welt um ihre Gewinne.

          Wenn am Sonntag die Kanzlermaschine auf dem Flughafen der südwestchinesischen Provinzstadt Chengdu ankommt, steigen in der Delegation von Angela Merkels Staatsbesuch die Führer von nicht weniger als neun Dax-Konzernen aus. Ihre Ängste spricht hingegen ein Reiseteilnehmer aus, der gar nicht an Bord ist, weil er schon vorgeflogen ist, der Sinologe Sebastian Heilmann: „Das Interesse Chinas an Deutschland hängt ganz von der Leistungskraft der deutschen Unternehmen ab.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das ist ein bemerkenswerter Satz. Und wenngleich die Redner beim dreitägigen China-Besuch von Angela Merkel bis zum Ermüden die guten Beziehungen beider Länder betonen werden, trifft die nüchterne Analyse des Landes-Kenners Heilmann ein Gefühl, das sich derzeit unangenehm in den Magengruben deutscher Manager breitmacht: der Eindruck, westliche Firmen seien in China noch genau so lange willkommen, bis sie die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht mehr brauche. Und das könne früher sein als gedacht.

          Erschwerter Zugang zu den Märkten für ausländische Unternehmen

          Die „goldenen Zeiten“ in China seien vorbei, gaben zwei von drei europäischen Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten jüngst in einer Umfrage der Europäischen Handelskammer an.

          Das Geschäft sei schwierig geworden, vor allem weil die Chinesen die Protektionismuskeule schwängen, den ausländischen Unternehmen den Zugang zu den Märkten erschwerten und dafür ihre eigenen Staatsunternehmen in Stellung brächten. Während die Chinesen in Deutschland alles kaufen dürften wie den schwäbischen Betonpumpenhersteller Putzmeister, müssten sich die Deutschen in China in Jointventures zwingen lassen, schimpfen Unternehmer wie Hubert Lienhard, Chef des baden-württembergischen Maschinenbauers Voith und als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses Sprachrohr der deutschen Wirtschaft in China. Die hat gehörig Druck gemacht im Vorfeld des Kanzlerinnen-Besuchs. Und so heißt es aus deutschen Regierungskreisen denn auch folgsam: „Gleichbehandlung ist die zentrale Frage.“

          Nur: Hat Deutschland überhaupt noch die Macht, irgendetwas in China durchzusetzen? Reiseteilnehmer Martin Winterkorn beispielsweise wäre schon froh, dürfte er mit den Chinesen halbe-halbe machen im wichtigsten Markt des VW-Konzerns. Wenn der Volkswagen-Chef mit der Kanzlerin in Chengdu das örtliche Fahrzeugwerk besichtigt - eines von neun in China – verderben jene 60 Prozent des Gewinns die Laune, die VW an den Partner FAW abführen muss, so groß ist der Anteil des chinesischen Staatsbetriebs am Gemeinschaftsunternehmen. Zumindest auf 50 Prozent möchte Winterkorn den Wolfsburger Anteil aufstocken, schon dieses Minimalziel ist schwierig. Zuletzt zogen sich die Verhandlungen hin.

          China als Garant für Stabilität

          Peking hat keine Eile, scheint doch inzwischen klar, welche Seite wen stärker braucht. Während die Chinesen selbst in urdeutschen Branchen wie dem Maschinenbau aufholen, wird Deutschland abhängiger von China. Besorgt blicken die Deutschen auf das chinesische Wachstum, dessen Prozentwert längst nicht mehr zweistellig ausfällt, nunmehr zwischen sieben und acht Punkten pendelt. Kein Wunder, dass inzwischen selbst dann das ungeliebte A-Wort von der Abhängigkeit durch den Saal geistert, wenn VW-Chef Winterkorn Routinetermine wie den CDU-Wirtschaftstag vergangenen Donnerstag absolviert: Die Sorge, das Geschäft zu sehr auf dem Wohl eines einzigen Landes zu bauen, nehme er nicht auf die leichte Schulter, sagte der Konzernlenker. Alles andere wäre gegenüber seinen Aktionären auch eine grobe Pflichtverletzung: Jedes dritte Fahrzeug verkauft VW inzwischen in China, doppelt so viel wie noch vor sechs Jahren.

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