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Seltene Erden : China will Kontrolle über Spezialrohstoffe

Selten: Bastnäsit Bild: REUTERS

China schränkt den Zugang zu wertvollen Bodenschätzen, den Seltenen Erden, ein. Diese werden dort fast komplett abgebaut und sind unentbehrlich für wichtige Hochtechnikbranchen in den Industrieländern. Das sorgt Europa und Amerika.

          Zwischen China und dem Westen bahnt sich ein neuer Streit an. Diesmal geht es um wertvolle Bodenschätze, so genannte Seltene Erden. Sie werden zu 95 Prozent in China abgebaut und sind unentbehrlich für wichtige Hochtechnikbranchen in den Industrieländern. Batterien für Hybridfahrzeuge, Mobiltelefone, Hochleistungsmagnete, Flachbildschirme, Festplattenlaufwerke, Röntgenapparate, bestimmte Waffen- oder Radarsysteme kommen ohne sie nicht mehr aus. Bis zum Herbst will die EU eine Rohstoff-Strategie erarbeiten, um die Abhängigkeiten zu verringern. Außerdem läuft eine Klage der Gemeinschaft vor der Welthandelsorganisation WTO gegen chinesische Exportbeschränkungen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          China hat strenge Förder- und Ausfuhrquoten für die Elemente erlassen, den Aufbau einer „strategischen Reserve“ von 200 000 Tonnen begonnen und eine Erhöhung der Exportzölle auf bis zu 25 Prozent in Aussicht gestellt. Im Gespräch ist auch, bestimmte Seltene Erden nach 2015 gar nicht mehr zu exportieren.

          Amerika stuft die Seltenen Erden als „hoch kritische“ Ressourcen ein

          Der neuste Schritt zur Verknappung ist die Schließung illegaler Minen und die Konzentration des Abbaus auf einige wenige Staatskonzerne. Nach Ansicht der Europäer und der Amerikaner heizt dieses Vorgehen die Weltmarktpreise künstlich an und begünstigt zugleich chinesische Nutzer. Amerika stuft die Seltenen Erden als „hoch kritische“ Ressourcen ein. EU-Industriekommissar Antonio Tajani sagte kürzlich mit Blick auf China: „Der Zugang unserer Unternehmen zu Rohstoffen darf nicht behindert werden.“

          Die WTO hat erste Zweifel an Chinas Vorgehen erkennen lassen, doch die Asiaten geben sich davon unbeeindruckt. Die geltenden Regeln ließen zu, heimische Rohstoffe zu schützen, um ihre vollständige Ausbeute zu verhindern, urteilt He Weiwen, Geschäftsführer der Chinesischen Gesellschaft für WTO-Studien. „Chinas Vorgehen steht im Einklang damit.“

          Der Abbau ist fast komplett auf China konzentriert

          Im Fall der meisten anderen Rohstoffe hängt China selbst von Importen ab. Der industrielle und private Verbrauch der mehr als 1,3 Milliarden Einwohner steigt stärker als in allen anderen Ländern. China produziert heute fast die Hälfte allen Stahls der Welt, ist der zweitgrößte Ölverbraucher und konsumiert mehr Kohle als jedes andere Land. Auch Erdgas muss China einführen. Bei den Seltenen Erden sieht es hingegen ganz anders aus. Dabei ist der Terminus irreführend, denn die vermeintlich raren Metalle gibt es in ausreichender Menge. Allerdings sind ihre bekannten Vorkommen zu fast 50 Prozent auf China konzentriert, beim Abbau ist der Anteil fast 100 Prozent. In der Nähe von Baotou in der Inneren Mongolei liegt die Baiyunebo-Mine, der mit Abstand größte Tagebau für Seltene Erden.

          Durch die ungleiche Verteilung der begehrten Erden fühlt sich der Rest der Welt von China abhängig. Man erinnert sich an den Ausspruch des ehemaligen Staatsführers Deng Xiaoping: „Der Nahe Osten hat Öl, China hat Seltene Erden.“ 1999 ergänzte Präsident Jiang Zemin in Baotou unumwunden, China gehe es darum, „den Ressourcenvorteil in wirtschaftliche Überlegenheit“ zu verwandeln. Noch drastischer formuliert es kürzlich eine staatsnahe chinesische Zeitung. Sie nannte die Metalle „die Waffe der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts“.

          Anwender in China genießen einen Wettbewerbsvorteil

          Solange China die Bodenschätze ausreichend auf den Weltmärkten anbot, scherte sich kaum jemand im Westen um die 17 Elemente mit Namen wie Yttrium, Lanthan, Neodym oder Promethium. Da sich die Förderung anderswo angesichts der niedrigen, von China bestimmten Preise nicht lohnte, schlossen die meisten der Minen in den Industrieländern. Durch Chinas Exportverteuerung dürften die Preise jetzt jedoch in die Höhe schießen. Anwender innerhalb Chinas genießen einen Wettbewerbsvorteil.

          Der Konflikt könnte eskalieren, wenn die Asiaten wie befürchtet 2015 den Export einiger Seltener Erden ganz verbietet. „Es ist höchste Zeit, eine Versorgung außerhalb Chinas aufzubauen“, fordert Christian Hocquard vom staatlichen französischen Büro für Geologie- und Bergbauforschung BRGM. Während einige Fachleute den Aufbau von Reserven anregen, denkt Hocquard an die Wiedereröffnung geschlossener Förderstätten. „Sonst sind Engpässe durchaus denkbar.“ Als erste will die 2002 geschlossene Mine im kalifornischen Mountain Pass noch in diesem Jahr den Betrieb wiederaufnehmen.

          Bis Juli 2011 stellen die Behörden keine neuen Lizenzen aus

          Bedenklich ist Hocquard zufolge auch, dass Peking Druck auf Hochtechnik-Fertiger ausübe, um diese zur Ansiedlung in China zu bewegen, „dort, wo sie die nötigen Rohstoffe finden“. Das Land erforscht in Baotou mit 400 Wissenschaftlern neue Anwendungen für Seltene Erden und findet diese vor allem in „grünen“ Techniken. Etwa in Katalysatoren, Energiesparlampen oder Windturbinen. Statt nur die Bodenschätze zu exportieren, will man mit derlei Endprodukten künftig Milliarden einnehmen.

          Um die Kontrolle über die Bodenschätze zu behalten, will China auch den Abbau im eigenen Land besser überwachen. 2010 dürfen maximal 89 200 Tonnen Seltener Erden gefördert werden. Bis Juli 2011 stellen die Behörden keine neuen Lizenzen aus, ungenehmigte Abbaustätten werden geschlossen. Es gebe einen Wildwuchs illegaler Minen, berichten Fachleute in Peking. Die Regierung plant, die Förderung auf wenige große Staatskonzerne zu konzentrieren.

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