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Trotz Beschäftigungsrekord : Seit der Wende arbeitslos

Warten auf den Aufbruch: auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Sangerhausen in Sachsen-Anhalt Bild: dpa

Noch nie waren die Chancen am deutschen Arbeitsmarkt so gut wie heute. Trotzdem gibt es einen harten Kern von unvermittelbaren Langzeitarbeitslosen. Ein Ortsbesuch.

          Martina Müller hat eine Aufgabe. Endlich. In der Lutherstadt Eisleben betreut die 53-Jährige seit fast drei Jahren die Heimatstube. Dort ist zu sehen, wie die Menschen in der Region Mansfeld-Südharz früher gelebt haben, hier, ein halbe Autostunde westlich von Halle. Ein Kollege arbeitet die Möbel auf, Müller ist für die Organisation zuständig. Eine Fotoausstellung hat sie schon auf die Beine gestellt, und Besuchergruppen sind auch ihre Sache. Ob sie flexibel ist? „Na klar“, sagt Müller, „Führungen am Wochenende sind kein Problem.“ Zumindest noch bis August. Dann läuft ihr Vertrag aus. Wieder einmal. Dann heißt ihr Alltag wieder Hartz IV. Das geht schon seit der Wende so. Solange ist Martina Müller schon arbeitslos.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Martina Müller entspricht nicht der gängigen Vorstellung von einer Person, die seit fast einem Vierteljahrhundert keiner regulären Beschäftigung nachgegangen ist. Und doch liest sich ihre berufliche Vita wie ein Albtraum. In der DDR hat sie nach der Ausbildung im Mansfeld-Kombinat als Nähmaschinentechnikerin gearbeitet. Nach der Wende wurde das Industrie-Konglomerat in rund zwei Dutzend Kapitalgesellschaften unter dem Dach der Mansfeld AG umgewandelt – oder „plattjemacht“, wie die Menschen es hier ausdrücken. Wie rund 20.000 Kollegen verlor auch Müller ihre Stelle, und damit begann ihre Karriere am zweiten, staatlich subventionierten Ersatzarbeitsmarkt.

          Das Ende der Bürgerarbeit

          Sie hangelt sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch und mit Ein-Euro-Jobs. Hier mal ein paar Monate, da mal ein Jahr. Zwischendurch, beteuert sie, habe sie sich immer beworben. Wie oft? „Ach Gott.“ Müller schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Einige hundert müssen das gewesen sein. Erfolgreich war keine einzige. Meist kam gar keine Antwort zurück. Auch eine Umschulung zur Werbekauffrau hat daran nichts geändert. Wo sollen die Arbeitsplätze auch herkommen in einer Region, die mit mehr als 14 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt hat? Die Hoffnung schwand. Bis die Bürgerarbeit kam.

          2010 rief die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen das Projekt aus, mit dem die strukturelle Langzeitarbeitslosigkeit vor allem in den ostdeutschen Landesteilen für 1,3 Milliarden Euro bekämpft werden sollte. Bedingung war, dass die Tätigkeit gemeinnützig und sinnstiftend war sowie reguläre Arbeit nicht verdrängen durfte. Nicht nur wegen dieser Abgrenzungsproblematik, die bei jeder Form öffentlicher Beschäftigung entsteht, stand das Projekt von Beginn an in der Kritik. Die einen sahen darin den Versuch, die schwierigen Fälle aus der Statistik zu tilgen. Andere wiederum witterten die Gefahr, dass die Bürgerarbeit vom Bemühen um eine richtige Stelle ablenke. Schließlich liegen die 900 Euro Verdienst im Monat oft deutlich über dem Hartz-IV-Anspruch. Deshalb begrenzte die Regierung die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden, damit für Bewerbungen genügend Zeit blieb, und die Projektlaufzeit auf drei Jahre. Das heißt: Ende 2014 ist Schluss. Dann wird der letzte der rund 45.000 Bürgerarbeiter seinen Dienst beenden.

          Zuwanderer und die „stille Reserve“ besetzen die Stellen

          Wie es weitergeht, ist ungewiss. Die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) arbeitet sich noch an den Mammutaufgaben „Rente mit 63“ und Mindestlohn ab. Immerhin wurde im April bekannt, dass sie ein Förderprogramm für 30.000 Langzeitarbeitslose plane, um diese für die Unternehmen fit zu machen. Details sind noch nicht bekannt. Doch der Opposition reicht das nicht. „Dem Heer der Abgehängten wird damit nicht geholfen“, poltert gewohnt markig Brigitte Pothmer, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen. Schließlich spricht die Bundesagentur für Arbeit von bis zu 400.000 Personen, die auch bei bester Konjunktur keine Chance auf Vermittlung haben. Was macht man mit denen? Für Pothmer ist der Fall klar: Statt dauernder Sonderprogramme solle Nahles endlich „den verlässlichen sozialen Arbeitsmarkt“ auf den Weg bringen. „Mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland sind dringend darauf angewiesen.“

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