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Trotz Beschäftigungsrekord : Seit der Wende arbeitslos

Senius schätzt, dass in Sachsen-Anhalt und Thüringen jeweils rund 10.000 Personen für einen sozialen Dauerarbeitsmarkt in Frage kämen. Wichtig sei die Reihenfolge: „Der soziale Arbeitsmarkt darf nicht die erste Maßnahme sein, sondern nur die letzte.“ Es dürfe keine Geschäftsmodelle geben, die darauf basierten. Auch das IAB warnt mit Blick auf die Erfahrungen in den Niederlanden und Dänemark vor einem allzu großzügigen sozialen Arbeitsmarkt mit starken Expansionstendenzen, der mit hohen Kosten und geringen Übergangsraten in reguläre Arbeit verbunden ist. Würde man die dortigen Quoten auf Deutschland übertragen, bedeutete das bis zu 900.000 geschützte Arbeitsplätze.

Von einer hohen Nachfrage geht auch Kay Senius aus: „Wir unterschätzen den Willen der Leute, noch mal in Würde zu arbeiten.“ Deshalb sollten seiner Meinung nach für die Auswahl der Teilnehmer die Arbeitgeber und Gewerkschaften ins Boot geholt werden. Auf die Frage, ob eine solche Selektion nicht „stigmatisierend“ sei für die Betroffenen, gerät Senius leicht in Rage: „Am schlimmsten ist es doch, wenn ich den älteren Langzeitarbeitslosen zum x-ten Mal erzähle, sie sollen sich anstrengen für den ersten Arbeitsmarkt: Bewirb dich! Das ist unehrlich.“

„Irgendwie geht’s ja immer weiter“

Das sieht auch Martina Müller so. „Stigmatisierung? Nein. Die Bürgerarbeit war der Hauptgewinn. Ich hatte seit langem wieder das Gefühl, dass ich wirklich gebraucht werde.“ Das Gefühl kennt auch Mario Topf. Der 49 Jahre alte Eislebener ist noch bis Ende Juni als Fahrer im Rahmen der Bürgerarbeit für die Stadt Eisleben unterwegs. „Mir half vor allem die Vielfalt der Aufgaben, mein Selbstvertrauen wieder zu finden und auch anderen mit meinen Tätigkeiten zu helfen“, sagt der gelernte Schlosser und Trockenbauer etwas förmlich. Er schreibt schon neue Bewerbungen und besucht Bewerberseminare. „Ich würde alles tun, Hauptsache, kein Hartz IV“, sagt der Vater zweier erwachsener Kinder. Wie Müller bewirbt auch er sich aus privaten Gründen ausschließlich im näheren Umkreis, obwohl er um die Problematik weiß: „Wir sind eine ganz strukturschwache Region.“

Und was ist mit den Großstädten Leipzig oder Erfurt, die in weniger als einer Stunde zu erreichen sind? Da brauche man schon ein Auto, rechnet Müller durch, deren Mann in der Landwirtschaft arbeitet und die ihre Mutter pflegt. Und bei dem ganzen Stress mit der Pendelei müsse am Ende auch ein bisschen was hängenbleiben. Mit solchen Aussagen eckt sie allerdings im Jobcenter an, denn laut Gesetz sind Hartz-IV-Empfänger verpflichtet, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Ein Recht auf einen Mehrverdienst kennt das Sozialgesetzbuch dagegen nicht.

Wenn sie über das nahende Ende der Bürgerarbeit spricht, zuckt Martina Müller kurz mit den Schultern und sagt: „Ich bin es ja gewohnt.“ Sie werde wie immer zum Jobcenter gehen und nach Alternativen schauen. Auch wenn sich am zweiten Arbeitsmarkt derzeit wenig tue. „Aber irgendwie geht’s ja immer weiter.“

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