https://www.faz.net/-gqe-7jdh2

Schwere Vertrauenskrise : Hausärzte und Fachärzte stürzen sich ins Chaos

  • -Aktualisiert am

Der Streit unter den Kassenärzten ist nicht neu Bild: dpa

Eine schwere Vertrauenskrise erschüttert die Kassenärzte. Der Streit ist nicht neu. Verschärft wird dieser durch persönliche Animositäten und Probleme in der Abgrenzung der Arbeitsbereiche.

          2 Min.

          Während Union und SPD Leitlinien für die Gesundheitspolitik der kommenden Jahre festlegen, stürzen sich die Kassenärzte in ein selbstverursachtes Chaos. Am vorigen Freitag wurde die Selbstauflösung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) per Umwandlung in einen haus- und fachärztlichen Teil nur knapp verhindert, wie Teilnehmer berichten. Allerdings wurden Abwahlanträge gegen die beiden Vorsitzenden Andreas Köhler und Regina Feldmann gestellt. Diese könnten frühestens am 6. Dezember auf der nächsten Versammlung der Gesandten aus 16 Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) behandelt werden. Ob das geschieht, ist unsicher, da der 53 Jahre alte Köhler am Tag nach der Vertreterversammlung einen Herzinfarkt erlitten hat, wie ein KBV-Sprecher bestätigte.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Streit unter den Kassenärzten ist nicht neu; Auslöser war oft der Gegensatz haus- und fachärztlicher Interessen. Verschärft wird dieser durch gelegentliche persönliche Animositäten und Probleme in der Abgrenzung der Arbeitsbereiche, die immer auch Machtfragen und Einflussbereiche markieren. So war es 2007, als der hausärztliche Vorstand Ulrich Weigeldt abgewählt, Köhler dagegen im Amt bestätigt wurde. Ähnlich sei die Lage sechs Jahre danach, heißt es im KV-System. Dieses hat vor allem zwei Aufgaben: die ambulante Versorgung der Patienten sicherzustellen und die Honorare der Kassen auf die Ärzte zu verteilen.

          Die Kassenärztlichen Vereinigungen verteilen 33 Milliarden Euro auf 150.000 Kassenärzte. Um Streit über deren Verteilung auf Haus- und Fachärzte zu vermeiden, hatte der Gesetzgeber festgelegt, dass die Honorare für beide Gruppen in je einen Topf aufgeteilt werden. Das hat nicht geholfen: Die Neuverteilung einiger Dutzend Millionen Euro für die Hausärzte hat den neuen Streit mit ausgelöst. Denn die für die Hausärzte verantwortliche KBV-Vorsitzende Feldmann hatte dafür Maßstäbe der Geldverteilung, den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM), verändert. In der Folge bekämen manche Ärzte weniger Geld, obwohl mehr zu verteilen wäre. Viele klagten über zusätzliche Bürokratie.

          Verschwörungstheorien machen die Runde: So stütze der Hausärzteverband unter seinem Vorsitzenden Weigeldt, dem 2007 abgewählten KBV-Vorstand, Feldmanns Kurs nur, um Chaos zu erzeugen. Ziel sei die Schwächung des KV-Systems und die Stärkung des eigenen Verbands. Der hat mit vielen Krankenkassen eigene Versorgungsverträge abgeschlossen und würde von der Vermittlung und der Honorarabrechnung dieser Verträge profitieren. Auch wird behauptet, das angespannte Verhältnis von Köhler und Feldmann sei weiter belastet worden, da Köhler, der für Honorarfragen die Verantwortung trägt, durch Feldmanns Missmanagement bei den Hausarzthonoraren zu Unrecht in die Kritik geraten sei.

          „Ein Warnzeichen an den Vorstand“

          Der Streit entlud sich am Freitag auf einer außerordentlichen KV-Versammlung. 16 Hausarztvertreter beantragten, unterstützt von Feldmann, eine Satzungsänderung, wonach Haus- und Fachärzte über ihre Belange einzeln beraten und abstimmen sollten. Die Gruppe unterlag und zog unter Protest aus. Köhler stellte die Vertrauensfrage und wurde bei wenigen Enthaltungen bestätigt. Damit einher ging ein Beschluss der 39 verblieben Delegierten, die Einheit des KV-Systems zu wahren. Am Abwahlantrag gegen beide Vorstände änderte das nichts. Der sei „ein Warnzeichen an den Vorstand“, sagte Versammlungsleiter Stefan Windau.

          Klaus Reinhard, der Chef des Ärzteverbands Hartmannbund, schüttelt über die „desaströse Vorstellung“ seiner Kollegen den Kopf: „Wenn sich die KBV-Vertreterversammlung Stück für Stück zerlegt und durch Abwahlanträge gegen ihre Vorstände Schlagzeilen macht statt durch konstruktive Lösungsvorschläge zur Sicherstellung der Versorgung, dann öffnet das politischen Eingriffen Tür und Tor.“

          Politiker machen Nägel mit Köpfen

          Tatsächlich machten Gesundheitspolitiker, während die Ärztevertreter sich die Köpfe heißredeten, ein paar Kilometer entfernt Nägel mit Köpfen. Sie beschlossen genau das, was die Kassenarztvertreter mehrheitlich verhindern wollen: ihre Versammlungen „zu gleichen Teilen aus Haus- und Fachärzten“ zu bilden. Weiter heißt es in den Koalitionsverabredungen von Union und SPD: „Über rein hausärztliche Belange entscheiden die hausärztlichen Mitglieder der Vertreterversammlung, über rein fachärztliche Belange die fachärztlichen Mitglieder der Vertreterversammlung.“

          Weitere Themen

          SpaceX-Rakete stürzt ins Meer

          Missglückte Landung : SpaceX-Rakete stürzt ins Meer

          Bei der Landung stürzt eine Rakete des amerikanischen Raumfahrtunternehmens direkt neben der Plattform ins Wasser. Immerhin ihre Fracht konnte die Falcon 9 allerdings erfolgreich ins All befördern.

          Milliardenverluste für Tourismusbranche Video-Seite öffnen

          Südostasien : Milliardenverluste für Tourismusbranche

          Thailand, Kambodscha, Taiwan – diese Länder spüren die Auswirkungen des neuartigen Coronavirus wohl am heftigsten. Die ansonsten reiselustigen Chinesen sind angehalten, zu Hause zu bleiben. Für die südostasiatische Tourismusbranche bedeutet das Milliardenverluste. .

          Apple warnt wegen Coronavirus

          Umsatzprognose geändert : Apple warnt wegen Coronavirus

          Die Coronavirus-Epidemie trifft auch den Apple-Konzern, weil China Produktionsstandort und Absatzmarkt ist. Vorsorglich wurde die Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr kassiert.

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.