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Schwellenländer : Der Beginn einer langen Anpassung

Jahrelang haben westliche Großanleger Schwellenländer finanziert. Jetzt wachen sie auf. Um eine internationale Krise zu verhindern, müssen alle Parteien die Nerven bewahren.

          An den Finanzmärkten vieler Schwellenländer herrscht große Unruhe. Währungen werten deutlich ab, die Kurse von Anleihen und Aktien sinken. In manchen Ländern versuchen Zentralbanken, durch Erhöhungen der Leitzinsen ihre Währungen zu stabilisieren. In den Industrienationen wächst die Sorge, die Schwellenländer würden zum Epizentrum einer neuen und schweren Finanzkrise. Gerade für die deutsche Wirtschaft mit ihrer starken internationalen Ausrichtung wäre dies eine schlechte Nachricht.

          Eine schwere internationale Krise erscheint nicht zwingend. Wohl aber werden viele Schwellenländer schmerzhafte wirtschaftliche Anpassungen vornehmen müssen, die viel Zeit brauchen werden. Die Schwellenländer sind keine homogene Gruppe: China mit seinem riesigen Leistungsbilanzüberschuss befindet sich in einer anderen Lage als das mit einem Leistungsbilanzdefizit kämpfende Indien. Mexiko ist erfolgreicher als Argentinien. Man wird nicht bestreiten können, dass man sich in den vergangenen Jahren im Westen ein zu hübsches Bild von den wirtschaftlichen Chancen mancher Schwellenländer gemacht hat. In vielen Ländern sind die politischen Rahmenbedingungen schlechter als in den Industrienationen, die Produktivitätsentwicklung bleibt unter den Erwartungen, und die Finanzmärkte sind oft nur gering entwickelt. Russland und Brasilien zeigen, dass der Weg von einer Rohstoffwirtschaft zu einer modernen Industrie- und Dienstleistungsökonomie schwierig und lang sein kann. Viele Länder benötigen weitreichende Reformen, um ihr Wachstumspotential zu nutzen.

          Der Boom und seine Übertreibungen

          Die hausgemachten Probleme der Schwellenländer sind eine Ursache der Misere, die globalen Finanzierungsbedingungen sind eine weitere. Die seit langem expansive Geldpolitik in den Vereinigten Staaten hat in den Jahren bis 2008 zu einer erheblichen Verlagerung von Liquidität in die Schwellenländer geführt. Hierfür waren vor allem große europäische Banken verantwortlich, die auf dem amerikanischen Markt erhebliche Dollarbeträge zu niedrigen Zinsen liehen, um sie an lokale Banken in den Schwellenländern weiterzugeben.

          Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 sahen sich die großen europäischen Banken gezwungen, ihre Kreditvergabe zu reduzieren. An ihre Stelle sind große amerikanische und europäische Fondsgesellschaften und Versicherer getreten. Vor allem Großanleger, die Anleihen kaufen müssen, entdeckten die Schwellenländer, weil ihnen die Renditen für Staats- und Unternehmensanleihen aus Industrienationen mit guter Bonität zu niedrig wurden. In den Schwellenländern reagierten Banken und Unternehmen auf die wachsende Nachfrage nach Anleihen mit einer regen Emissionstätigkeit.

          Wie in jedem Boom ist es zu Übertreibungen gekommen. Es gibt Schwellenländerunternehmen, die für ihr eigentliches Geschäft gar keine zusätzlichen Mittel brauchten. Sie begaben stattdessen Anleihen auf Dollar zu niedrigen Renditen, um das Geld in ihrem Heimatland in Heimatwährung höherverzinslich anzulegen. Solche Geschäfte funktionieren aber nur, solange die Heimatwährung gegenüber dem Dollar nicht deutlich abwertet. Und da viele Kapitalanleger ein Pferd gerne reiten, bis es tot umfällt, ließen sich die Anleihen lange Zeit problemlos plazieren. Gleichzeitig haben sich die Bilanzen von Banken und Unternehmen in Schwellenländern aufgebläht.

          Klarer Blick für Möglichkeit und Grenzen nötig

          Diese Finanzierungspraktiken erklären, warum die Nervosität so hoch ist, seit die Fed eine allmähliche Straffung ihrer Geldpolitik angekündigt hat. Denn auf mittlere Sicht höhere Renditen in den Vereinigten Staaten haben zwei Effekte. Zum einen werden für die Großanleger aus dem Westen amerikanische Anlagen wieder attraktiver im Vergleich zu Anlagen in Schwellenländern. Und zweitens erhöhen sich die Finanzierungskosten für Unternehmen aus Schwellenländern, die sich in Dollar verschuldet haben.

          Leitzinserhöhungen sind kurzfristige Maßnahmen in der Not, die nicht ausreichen werden. Wichtig ist, dass alle Parteien die Nerven bewahren und nachvollziehbare langfristige Strategien entwerfen. Viele Schwellenländer können durch marktwirtschaftliche Reformen und eine stetige Politik wieder Vertrauen aufbauen. In den Industrienationen müssen Möglichkeiten, die Geldpolitik allmählich wieder zu straffen, auch genutzt werden. Die billige Dollarliquidität, die durch die Schwellenländer fließt, ist ein Teil des Problems und kein Teil der Lösung.

          An den Kapitalmärkten bedarf es eines klaren Blickes für die Möglichkeiten und Grenzen eines Landes. Wie schnell sich die Einschätzungen ändern können, zeigt die Türkei: Bis in das vergangene Jahr lobten Ökonomen und Analysten das Land am Bosporus, dessen Leistungsbilanzdefizit und Auslandsverschuldung als typische und keinesfalls bedenkliche Begleiterscheinungen einer dynamischen Wirtschaft verstanden wurden. Heute, eine Regierungskrise später, rufen das Leistungsbilanzdefizit und die Auslandsverschuldung Sorgen hervor. Viele Schwellenländer können immer noch eine große Erfolgsgeschichte werden. Man muss ihnen aber die dafür nötige Zeit geben.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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