https://www.faz.net/-gqe-6m2vl

Schweiz : Die unbequeme Stärke des Franken

  • -Aktualisiert am

Die Stärke des Franken macht exportorientierten Unternehmen der Alpenrepublik das Leben schwer Bild: dpa

Die Franken-Stärke wird zum Schrecken der exportorientierten Schweiz. Die Nationalbank hat daher in der vergangenen Woche abermals an den Märkten eingegriffen, um den Höhenflug zu bremsen. Doch der Franken dürfte auch in den kommenden Jahren eine gesuchte Währung bleiben.

          3 Min.

          Arbeiten in der Schweiz und Wohnen in Deutschland: Grenzgänger aus den EU-Ländern zählen zu den sichtbarsten Profiteuren der Franken-Stärke. Wer angesichts der Parität zum Euro, an der die Währung vor knapp einer Woche kurzzeitig kratzte, ein Franken-Guthaben in die Heimatwährung tauschte, machte einen schönen Schnitt. Bis zum Wochenende verlor der Franken mit mehr als 1,10 zum Euro gut zehn Prozent an Wert (siehe auch Massive Kursverluste des Schweizer Frankens). Unter Devisenhändlern sind das Welten. Was war geschehen? Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte am Mittwoch zum zweiten Mal binnen einer Woche an den Märkten eingegriffen. Nach der Leitzinssenkung auf faktisch null Prozent und einer Ausweitung der Geldmenge von 30 auf 80 Milliarden Franken in der Vorwoche ging sie wiederum in die Offensive. Die Geldmenge wurde weiter auf 120 Milliarden Franken ausgedehnt. Außerdem griff die SNB zu Tauschgeschäften (Swaps), mit denen auf begrenzte Zeit Euros und Dollar gekauft werden.

          Die Botschaft war klar: Spekulationen auf eine weitere Stärkung des Franken lohnen sich nicht. Und im Gegensatz zur ersten Schwemme in der Vorwoche, die den Höhenflug der Währung nicht stoppte, war die Nationalbank erfolgreich. Mehr noch: Am Markt für Dreimonatsgeld in Franken bildeten sich negative Zinsen. Mit anderen Worten: Die Finanzprofis rechnen damit, dass Anlagen in Franken bis auf weiteres Geld kosten. “

          Die Schweiz hat auch in der Krise auf Konjunkturprogramme verzichtet

          Der Kursdämpfer nach einer dramatischen Woche ist nicht nur das Verdienst der SNB. Mindestens so wichtig war die inzwischen einhellige Unterstützung der Nationalbank seitens aller politischen Parteien in Bern. Die inzwischen erreichte Franken-Stärke gegenüber fast allen Währungen in der Welt gerät zum Schrecken des exportorientierten Landes. Dies erlaubt der Notenbank nunmehr das Drucken von Geld auch in großem Stil, ohne dass dies Kritik hervorruft wie die Devisenmarktinterventionen im Frühjahr 2010. Zugleich kam es zum Wochenende an den Aktienmärkten zu einer kräftigen Erholung. Auch dies ließ die Anleger weniger sehnsüchtig nach dem Franken schielen.

          In der neuen Woche könnte der Wind wieder drehen, wenn die Ängste um Frankreichs Kreditwürdigkeit um sich greifen und die Zweifel am italienischen Sanierungspaket wachsen sollten. 1,10 Franken zum Euro und 0,78 zum Dollar stellen im übrigen noch keine Wende dar. Gegenüber der Gemeinschaftswährung bewegt sich der Franken gerade auf dem Niveau vom Monatsbeginn. Er ist nahezu ein Fünftel stärker als vor Jahresfrist.

          Eine ähnlich unsolide Schuldenwirtschaft, wie sie andernorts gang und gäbe geworden ist, wäre das sicherste Mittel, wie die Schweizer ihre Devise drücken könnten. Aber das ist graue Theorie. Sie würde zu unsinnigen Konjunkturprogrammen verleiten, welche die Schweiz auch in der Wirtschaftskrise vermieden hat. Der Finanzplatz lebte nie allein von Steuerhinterziehern, sondern von seinem Versprechen in die Stabilität der Währung. Dies bedeutet volle Konvertibilität des Franken, maßvolle Staatsausgaben, eine geringe Inflation und die Abwesenheit von Währungsreformen. Die Zehn-Rappen-Münze sieht noch genauso aus wie 1879. Wie stets in krisengeschüttelten Zeiten greifen die Anleger zu Gold und Franken. Es fällt auf, dass Gold in Franken gerechnet dieses Jahr nicht teurer geworden ist.

          Die Nationalbank kann die Geldmenge kräftig ausweiten, ohne vorderhand zu viel Inflation zu riskieren. Sie bläst aber weiter Luft in jene Preisblase am Immobilienmarkt, vor der sie selbst am stärksten warnt, und langfristig wird sie steigende Teuerungsraten bekämpfen müssen. Zunächst besteht die größte Gefahr darin, dass die Maßnahmen der Nationalbank wirkungslos bleiben, zumal der Franken zu einem Spekulationsobjekt geworden ist. Mehr als 100 Milliarden beträgt das Tagesvolumen der Devisengeschäfte mit dem Franken, davon über 70 Milliarden mit dem Euro. Die SNB hat bisher weder am Devisenmarkt interveniert wie 2009/10 noch ein offizielles Kursziel zum Euro gesetzt wie in den Währungsverwerfungen von 1978 gegenüber der D-Mark. Eine feste Anbindung ist sowieso tabu. Wenn sie ein Ziel formuliert, liegt eine Bandbreite nahe. Nichts wäre schlimmer, als ein konkretes Austauschverhältnis, das verfehlt würde.

          Der Franken dürfte auch in Zukunft eine begehrte Währung bleiben. Die Schweizer haben sich daran gewöhnt, dass der Kurs über den Kaufkraftparitäten zu anderen Währungen liegt. Das ist nicht nur eine Last. Der starke Franken zwingt die Unternehmen des Landes, sich mit guten Produkten, ständigen Innovationen, Qualität und Service auf den Auslandsmärkten zu behaupten. Aber die Schuldenwirtschaft vieler Staaten in Europa und in Amerika verbunden mit ungeprüften Sanierungsperspektiven lässt die Geldanleger in Staatsanleihen wohl noch auf Jahre hinaus zittern. Hinzu kommen steigende Inflationsraten, mit denen diese Länder ihre Schuldenlast erleichtern werden.

          Für Entspannung könnten solide Unternehmen sorgen. Wenn ihre Aktienkurse steigen, werden Investoren mehr die Chancen auf Kursgewinne als die Sicherheit des Franken suchen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.