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Schwarz-rote Rentenpolitik : Rente mit 63 vertreibt Ältere vom Arbeitsmarkt

Bild: dpa

Kritiker der schwarz-roten Rentenpolitik hatten davor gewarnt, nun ist es amtlich: Der vielgepriesene Anstieg der Zahl älterer Arbeitnehmer ist gestoppt. Sehr zum Leidwesen der Arbeitgeber, die den Verlust von Fachkräften beklagen.

          Es war eine ganz besondere Erfolgsgeschichte der deutschen Arbeitsmarktpolitik: Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer hat in den vergangenen Jahren stark zugelegt. Allein seit 2008 hat sich die Zahl der Beschäftigten im Alter zwischen 60 und 65 Jahren mehr als verdoppelt. Doch die Erfolgsgeschichte ist nun offenbar vorbei. Darauf deuten neue Daten der Bundesagentur für Arbeit hin, die dieser Zeitung vorliegen. Sie zeigen, dass der Beschäftigungsaufbau in dieser Altersgruppe im Herbst praktisch zum Stillstand gekommen ist. Offensichtlich hat die zum 1. Juli 2014 eingeführte Rente mit 63 den Trend gestoppt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ende September 2014 gingen den Daten zufolge hierzulande 1,794 Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 65 einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Das waren gerade einmal 0,45 Prozent mehr als Ende Juni 2014. Im Jahr zuvor hatte die Statistik für den entsprechenden Zeitraum dagegen noch ein Plus von 2,8 Prozent ausgewiesen. Die aktuelle Steigerungsrate ist die mit Abstand niedrigste seit mehr als acht Jahren.

          Dies ist umso bemerkenswerter, als die Gesamtzahl der Beschäftigten weiter kräftig steigt. Sie erhöhte sich von Juni bis September 2014 um 1,62 Prozent, also beinahe viermal so stark. Dies ist überhaupt das erste Mal seit dem Jahr 2006, dass die Zahl der Beschäftigten im Alter zwischen 60 und 65 Jahren langsamer steigt als die Beschäftigung insgesamt. Dass der aktuelle Wert für diese Altersgruppe kein statistischer Ausreißer ist, zeigt zudem ein Vergleich mit den 55- bis 60-Jährigen: In dieser Gruppe hält der Beschäftigungsaufschwung mit unvermindertem Tempo an.

          Damit ist erstmals statistisch belegt, dass die Rente mit 63 deutliche Bremsspuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt. Mit dem vor knapp einem Jahr beschlossenen Rentenpaket hatte die große Koalition langjährig versicherten Arbeitnehmern das Recht eingeräumt, zwei Jahre vor dem normalen Rentenalter ohne die sonst üblichen Abschläge in den Ruhestand zu wechseln. Nach Berechnungen der Regierung belastet dies die Rentenkasse mit etwa zwei Milliarden Euro im Jahr.

          Fachkräfte zieht es in die Rente

          Die Bremsspur auf dem Arbeitsmarkt dürfte bald noch deutlicher werden. Denn bis Ende September 2014 hatten nach Auskunft der Rentenversicherung erst 137.000 ältere Arbeitnehmer einen Antrag auf Rente mit 63 gestellt. Ende Februar waren es schon insgesamt 255.000. Die Gesamtzahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland werde dennoch in diesem Jahr um etwa 100.000 Personen steigen, sagt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur voraus. „Dies liegt vor allem an der hohen Zuwanderung, während die demographische Entwicklung und die Rente mit 63 dämpfend wirken“, schrieben die Forscher in ihrer jährlichen Prognose.

          Für Personalverantwortliche in den Betrieben ist das Problem damit aber nicht vom Tisch – zumal selbst hochqualifizierte Einwanderer selten sofort als vollwertiger Ersatz für Fachkräfte mit langer Betriebserfahrung einspringen können. „Die Fachkräfte, die wir so dringend in den Betrieben brauchen, werden in die Rente gelockt“, fasst Lutz Goebel, Präsident des Verbands der Familienunternehmer, die Lage zusammen. Umso wichtiger sei es, dass das Problem nun zumindest an anderer Stelle entschärft werde. „Es ist höchste Zeit, dass die große Koalition mit der Flexi-Rente endlich das Arbeiten im Alter erleichtert“, sagte er. Union und SPD hatten im Herbst eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die klären soll, wie die Hürden für eine Beschäftigung über das reguläre Rentenalter hinaus gesenkt werden können. Abweichend vom Zeitplan, hat sie allerdings bisher noch keine Ergebnisse erzielt.

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