https://www.faz.net/-gqe-7tuvm

Risiken des Referendums : Abenteuer schottische Unabhängigkeit

Am 18. September stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Bild: dpa

In einem Volksentscheid stimmen die Schotten nächste Woche über die Abspaltung von Großbritannien ab. Es wäre ein beispielloses wirtschaftspolitisches Experiment.

          5 Min.

          Lange hat die Regierung in London die Risiken des bevorstehenden schottischen Unabhängigkeitsreferendums weitgehend ignoriert. Doch seit Umfragen darauf hindeuten, dass die Mehrheit der Schotten tatsächlich für die Gründung eines souveränen Staates stimmen könnte, ist es an der Themse plötzlich mit der Ruhe vorbei. Auch eine Phalanx britischer Großunternehmen von der Supermarktkette Asda bis zum Ölkonzern BP warnt vor den Risiken der Unabhängigkeit. Die Abspaltung Schottlands wäre in Europa ein historisches Novum – politisches, aber auch ökonomisches Neuland. Fünf ungeklärte Wirtschaftsfragen machen das Referendum zum Abenteuer:

          1.Die Währung

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist die mit Abstand brisanteste Unbekannte: Schottlands Premierminister Alex Salmond will das Pfund behalten, London hat dagegen klar gestellt, dass die Schotten mit der Abspaltung auch auf ihre bisherige Währung verzichten müssten. Mark Carney, der Gouverneur der Bank von England, hat in dieser Frage zwar keine Entscheidungsmacht, ist aber ebenfalls gegen eine Währungsgemeinschaft zweier souveräner Staaten. Das Drama um den Euro ist schließlich ein abschreckendes Beispiel dafür, wie gefährlich es sein kann, wenn Staaten zwar eine Währung teilen, aber zum Beispiel in der Haushaltspolitik getrennte Wege gehen.

          Was also, wenn es keine britisch-schottische Währungsgemeinschaft geben sollte? Alternativ könnte Schottland das Pfund informell weiter benutzen, so wie Panama den Dollar ohne formelle Währungsunion mit den Vereinigten Staaten verwendet. Um ein solches System vertrauenswürdig zu machen, müsste der neue schottische Staat aber aus dem Stand Währungsreserven von knapp 50 Milliarden Pfund beschaffen, schätzen die Volkswirte der Schweizer Großbank UBS. Denkbar wäre auch die Schaffung einer neuen eigenen Währung und auf längere Sicht die Einführung des Euro.

          Alle Alternativen sind mit großen ökonomischen und rechtlichen Risiken behaftet. So entstünde im Fall eines Währungswechsels über Nacht für Millionen von Geschäftsbeziehungen zwischen England und Schottland ein Wechselkursrisiko. Die Frage, wer diese zu tragen hat, würde wohl in vielen Fällen zu lähmenden Rechtsstreitigkeiten führen, warnt die Deutsche Bank. Viele Bankenanalysten sagen voraus, dass die Ungewissheit schnell zu einer Welle der Kapitalflucht aus Schottland, aber auch aus Großbritannien insgesamt führen könnte. Denn das Leistungsbilanzdefizit von Rest-Großbritannien würde ohne die schottischen Ölexporte gefährlich nach oben schnellen. Verschärft werden diese Risiken dadurch, dass die Regierung in London praktisch unvorbereitet ist: Vergangene Woche gestand der Sprecher von Premierminister David Cameron ein, dass bisher keinerlei Pläne für den Fall der Unabhängigkeit gemacht worden sind – ein politisches Versäumnis, das Cameron am Ende sein Amt kosten könnte.

          2.Die Banken

          Wegen der Währungsungewissheit besteht die Gefahr, dass nach einem Votum für die Unabhängigkeit zahlreiche Kunden und Investoren ihr Geld fluchtartig von schottischen Banken und Vermögensverwaltern abziehen. Das könnte für Großbritanniens Finanzsystem insgesamt bedrohlich werden, denn mit der Royal Bank of Scotland (RBS) und der zur Lloyds Banking Group gehörenden Bank of Scotland haben zwei der größten britischen Kreditinstitute ihren Hauptsitz in Schottland. Das kleine Schottland, auf das nur 8 Prozent der Bevölkerung und Wirtschaftsleistung Großbritanniens entfallen, wäre kaum in der Lage, diesen gefährlich überdimensionierten Bankensektor im Notfall zu stützen. Die britische Notenbank warnt vor „Risiken für die Finanzstabilität“.

          RBS und Lloyds haben am Donnerstag schon vorsorglich angekündigt, ihren Hauptsitz im Fall der Unabhängigkeit nach England zu verlagern, um weiter die Unterstützung der Bank von England in Krisensituationen zu haben. Die gefährliche Phase der Ungewissheit könnte trotzdem lang werden: Der Umzug wäre rechtlich komplex und könnte bis zu anderthalb Jahre dauern, sagen Juristen. Bankenlobbyisten fordern deshalb bereits ein Eilverfahren für den Notfall. Volkswirte erwarten, dass die Bank von England dazu gezwungen wäre, unmittelbar nach einem möglichen Votum für die Unabhängigkeit eine Garantieerklärung abzugeben, die schottischen Institute im Krisenfall zu stützen, auch wenn diese dann voraussichtlich nicht mehr zum britischen Währungsraum zählen würden. Im Idealfall könnten die Notenbanker damit der Politik Zeit erkaufen, die wichtige Währungsfrage zu klären.

          3.Europa

          Wenn Schottland das Vereinigte Königreich verlassen sollte, wäre es auch nicht mehr Mitglied der Europäischen Union und würde damit den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt verlieren. Erhebliche Handelsnachteile wären die Folge. Zwar würde sich ein unabhängiges Schottland wohl um die Aufnahme in die EU bemühen, aber ein Selbstläufer wäre das nicht: Alle bisherigen EU-Mitglieder müssten der Aufnahme zustimmen. Vor allem Spanien könnte jedoch dagegen sein. Madrid kämpft selbst gegen Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien und hat kein Interesse daran, einen schottischen Präzedenzfall zu schaffen.

          Welche Auswirkungen die Unabhängigkeit Schottlands für die Zukunft Großbritanniens in der EU hätte, ist ebenfalls schwer abschätzbar: Die konservativ-liberale Regierungskoalition in London hat für das Jahr 2017 einen weiteren Volksentscheid über einen Austritt aus der EU angekündigt. Vor dem „Brexit“ zittern bereits heute viele britische Unternehmen und ausländische Investoren auf der Insel. Würde durch eine vorherige Abspaltung Schottlands diese Gefahr größer? Ja, sagen viele Analysten, denn nach der Unabhängigkeit würden die überwiegend europafreundlichen schottischen Abgeordneten aus dem britischen Parlament ausscheiden. Der Einfluss der Europa-Gegner im Unterhaus könnte dadurch wachsen. Andererseits haben beim Volksentscheid über die EU die Bürger selbst und nicht die Politiker das Sagen – und viele Briten könnten davor zurückschrecken, auch noch Europa den Rücken zu kehren, nachdem bereits Schottland verlorengegangen ist.

          4.Das Nordseeöl

          Die Erdöl im britischen Teil der Nordsee ist eines der Hauptargumente der schottischen Nationalisten für die Unabhängigkeit: Rund 90 Prozent der Reserven liegen vor Schottlands Küste, aber die milliardenschweren Steuereinnahmen aus der Ölförderung fließen bisher an den Finanzminister in London. Ein unabhängiges Schottland könnte dieses Geld wahrscheinlich in die eigene Kasse umlenken – und damit nach heutigem Stand etwa 10 bis 15 Prozent seiner Staatsausgaben decken. Viele Fachleute rechnen zudem damit, dass der Ölpreis langfristig steigen wird, die Schotten also in Zukunft an jedem Fass Nordseeöl mehr verdienen. Andererseits ist die britische Förderung chronisch rückläufig: Seit der Jahrtausendwende ist sie schon um rund zwei Drittel geschrumpft, und es wird schwer werden, diesen Trend umzukehren. Im Gegenteil: Internationale Ölkonzerne werden wegen der instabilen Lage nach der Unabhängigkeit wohl mit dringend benötigten Investitionen zögern.

          5.Die Staatsschulden

          Ein unabhängiges Schottland müsste eine schwere Schuldenlast schultern: Die Volkswirte der UBS schätzen, dass es mit einem staatlichen Haushaltsdefizit von 6,3 Prozent und einem Schuldenstand von 89 Prozent an den Start gehen würde. Für einen neuen Staat, der sich das Vertrauen der Anleger am Markt für Staatsanleihen erst erarbeiten muss, wären das bedenklich ungünstige Kennzahlen. Der schottische Ministerpräsident Salmond hat zwar schon gedroht, sein Land werde sich weigern, einen Anteil der Staatsschulden Großbritanniens zu übernehmen, wenn Schottland das Pfund verlieren sollte. Aber am Anleihemarkt würden dadurch wohl die Zweifel wachsen, dass das Land ein zuverlässiger Schuldner ist – höhere Risikoprämien und steigende Kosten der Staatsschulden wären die Folge. Dabei hätten die Schotten in diesem Fall sofort einen hohen Kreditbedarf: Es müssten gewaltige Devisenreserven beschafft werden, um das Währungssystem abzusichern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

          Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

          Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.
          Zyprischer Präsident Nikos Anastasiadis (r.) mit EU-Ratspräsident Charles Michel

          Gasstreit im Mittelmeer : Alle schauen auf Zypern

          Die EU-Staaten suchen bei ihrem Sonderrat in Brüssel eine Haltung zur Türkei. Emmanuel Macron und Angela Merkel setzten vor dem Gipfel unterschiedliche Akzente.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.