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Schiller und Strauß : Plisch und Plum entzaubert

Zwei ungleiche Politiker: Wirtschaftsminister Schiller (SPD), Finanzminister Strauß (CSU) Bild: Archiv

Die zweite große Koalition der Bundesrepublik müßte vor allem das reformieren, was die erste angerichtet hat. Der Blick zurück zeigt, daß ein Bündnis aus Union und SPD nicht Stillstand heißen muß. Damals wurde viel angepackt - wenn auch nicht immer richtig.

          Sehnsüchtig herbeigesehnt haben die meisten Wähler die große Koalition vermutlich nicht, auf die es nun im Bund hinauslaufen könnte. Dabei galt ihr Vorläufer seinerzeit weithin als wirtschaftspolitisch erfolgreich. Erst mit zeitlichem Abstand sollte sich dieses Bild erheblich relativieren. Von Dezember 1966 bis Oktober 1969 regierten Union und SPD zusammen. Im Kabinett von Kurt Georg Kiesinger (CDU) stachen Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) und Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) heraus. Die beiden ungleichen Politiker, bald nach Wilhelm Buschs frechem Hundepaar "Plisch und Plum" genannt, standen vor der heiklen Aufgabe, den Haushalt zu konsolidieren und die Wirtschaft zu beleben. Ihre Nachfolger haben dieselben Schwierigkeiten zu bewältigen, nur hat sich deren Dimension erheblich vergrößert.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Als ob Busch um die Profilierungs-Spielchen wußte, die zwischen den politischen Partnern ablaufen, dichtete er:

          "Jeder möchte vorne stehen,
          Um entzückt hinauf zu spähen.
          Hat sich Plisch hervorgedrängt,
          Fühlt der Plum sich tief gekränkt.
          Drängt nach vorne sich der Plum,
          Nimmt der Plisch die Sache krumm."




          Ökonomisches Traumduo der späten sechziger Jahre

          Schiller und Strauß schafften es dessen ungeachtet, zum ökonomischen Traumduo der späten sechziger Jahre zu werden. Sie verkörperten den Aufbruch zu neuen Ufern in der Wirtschaftspolitik. Ludwig Erhard, der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, stand für privates Eigentum, freie Preisbildung und staatliche Wettbewerbsaufsicht. Die Vorstellung, Politiker könnten und sollten die Wirtschaft lenken, wie es in Amerika und England zur Konjunktursteuerung modern geworden war, widersprach dem ganzen Denken und Handeln des Nationalökonomen. Doch der Mann, der wie kein anderer für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg stand, scheiterte als Kanzler - neben der bei ihm vermißten politischen Führung - ausgerechnet an der ersten Rezession der Bundesrepublik. Damals ging der Industrie nach wilden Wachstumsjahren kurzzeitig die Puste aus.

          Kaum im Amt, brachten Schiller und Strauß im Februar 1967 das erste Konjunkturprogramm auf den Weg: 2,5 Milliarden Mark lenkten sie in den Straßenbau sowie zu Bahn und Post. Mitte des Jahres schob der Bundestag das Gesetz zur Konjunktursteuerung nach. Im September folgte das zweite Programm zur Wirtschaftsbelebung. Ein drittes konnte Schiller im Januar 1968 jedoch nicht mehr im Kabinett durchsetzen, die Mehrheit der Unionsminister hielt da den sich schon abzeichnenden Konjunkturaufschwung für ausreichend.

          „Magna Charta der modernen Konjunkturpolitik“

          Nicht zu überschätzen ist, welche Bedeutung damals dem "Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums in der Wirtschaft" vom 8. Juni 1967 zugemessen wurde. Es wurde zur "Magna Charta der modernen Konjunkturpolitik" (Fritz Neumark) stilisiert. Dahinter stand die Vorstellung, daß man in der Wirtschaft so gut wie alles erreichen könne, wenn die Politik es nur will. Diese Sicht ist heute, nach mehr als drei Jahrzehnten mit einer von Konjunkturtal zu Konjunkturtal weiter gestiegenen Sockelarbeitslosigkeit, nur mehr schwer nachzuvollziehen.

          Damals wehte ein anderer Geist durch das Bonner Regierungsviertel. Erhards Laufenlassen galt als überholt, etwas Neues mußte her. Da kam Schiller mit seiner Globalsteuerung gerade recht. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz war Ausfluß dieser Vorstellung, es verpflichtete die Regierung auf das "magische Viereck" aus hohem Beschäftigungsstand, außenwirtschaftlichem Gleichgewicht, angemessenem und stetigem Wirtschaftswachstum und Preisstabilität. Nach dem vom britischen Ökonom John Maynard Keynes entwickelten Konzept sollte sich der Staat im Konjunkturverlauf antizyklisch verhalten - in der Rezession mit Hilfe von Krediten seine Ausgaben steigern und in der Überhitzungsphase die Steuern erhöhen, um die Nachfrage zu dämpfen.

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