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Schattenwirtschaft : Schwarzarbeit auch unter West-Arbeitslosen hoch

Schwarzarbeit scheint nicht nur im Osten verbreitet Bild: dpa

Vor wenigen Tagen wurde durch einen Modellversuch der Bundesagentur für Arbeit bekannt, dass in einigen Branchen in Ostdeutschland überraschend viele Erwerbslose schwarz arbeiten. Nun stellt sich heraus: Die Schwarzarbeit grassiert offenbar auch in weiteren Teilen Deutschlands.

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          Die Schwarzarbeit unter Arbeitslosen grassiert offenbar auch außerhalb eines Modellversuchs in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Verschiedene Regionaldirektionen der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Ost- und Westdeutschland bestätigten, der Leistungsmissbrauch sei in einigen Branchen sehr hoch.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Einer Auswertung der Direktion Niedersachsen-Bremen zufolge wurden in ganz Deutschland im April mehr als 143.000 Erwerbslose wegen „fehlender Mitwirkung oder fehlender Verfügbarkeit“ aus der Arbeitslosigkeit abgemeldet; das waren 17,4 Prozent aller Abgänge. Die BA in Nürnberg schränkte ein, die Zahlen seien „wenig repräsentativ“. Es gebe auch viele andere Gründe für die Abmeldung als die Schwarzarbeit.

          „Es scheint, dass ein Großteil nebenher verdient“

          Dennoch deuten auch andere Erkenntnisse auf einen hohen Anteil von Schwarzarbeitern unter den Erwerbslosen hin, vor allem die Weigerung, an sogenannten Maßnahmen (Weiterbildungen, Trainings, Seminaren) teilzunehmen. In der Direktion Nord (Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg) beträgt die Quote der Verweigerer bei den „Sofortangeboten“ für Arbeitslosengeld-II-Empfänger 10 bis 15 Prozent. „Es scheint so zu sein, dass ein Großteil nebenher etwas verdient“, sagte der Geschäftsführer für Operative Aufgaben, Jens Regg.

          Am Samstag war bekanntgeworden, dass sich in der Direktion Sachsen-Anhalt/Thüringen 47 Prozent aller dort arbeitslos gemeldeten Bauarbeiter, Verkäufer und Reinigungskräfte lieber aus der Arbeitslosigkeit abgemeldet hatten, als an einer Vollzeitmaßnahme teilzunehmen (siehe dazu auch: Hälfte der Erwerbslosen arbeitet offenbar schwarz). Der Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, Hilmar Schneider, sagte, die Ergebnisse bestätigten erstmals mit belastbaren Daten, wie verbreitet die illegale Tätigkeit unter Leistungsempfängern sei. Schneider schätzt, dass die gesamte Schwarzarbeit in Deutschland eine Bruttowertschöpfung erbringt, die 6 bis 7 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entspricht. „Jeder, der kann, muss seine Existenz aus eigener Kraft sichern. Die Grundsicherung darf nicht länger die Schwarzarbeit subventionieren.“

          Klima des Misstrauens

          Wilhelm Adamy, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), widersprach. Aufgrund von Stichproben zu behaupten, dass die Hälfte der Arbeitslosen schwarz arbeite, sei eine unzulässige pauschale Unterstellung. „Sehr schnell wird hier ein Klima des Misstrauens geschaffen, anstatt den Erwerbslosen eine wirklich sinnvolle Perspektive anzubieten.“ Arbeitslose könnten aus vielen Gründen ihre Teilnahme an derartigen Pflichtmaßnahme abgesagt haben, etwa wegen Krankheit oder der Pflege Angehöriger. „Nach Erkenntnissen des DGB ist Schwarzarbeit unter Arbeitslosen kein Massenphänomen.“

          Das Bundesarbeitsministerium wollte sich zu den Ergebnissen des Modellversuchs zunächst nicht äußern. Für die Opposition sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, die Erkenntnisse deckten sich weitgehend mit Ergebnissen einer telefonischen Befragung von Erwerbslosen, die sich lieber abmeldeten, als sich verfügbar zu halten. Die Energie für die Schwarzarbeit „könnte erfolgversprechend für die Jobsuche im ersten Arbeitsmarkt verwendet werden, wenn Steuern und Abgaben gesenkt, arbeits- und tarifrechtliche Regelungen gelockert und Anreize zur Arbeitsaufnahme durch andere Hinzuverdienstgrenzen gesetzt werden“.

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