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Schattenwirtschaft : Ein ganzes Bundesland arbeitet schwarz

Der Zoll hat aufgerüstet gegen die Schwarzarbeit Bild: ddp

Wie kann man das Volumen der Schwarzarbeit berechnen? Bis zu 15 Prozent trägt die Schattenwirtschaft zur deutschen Wirtschaftsleistung bei, schätzen Ökonomen. Doch die Modelle haben Schwächen.

          Hand aufs Herz: Wer meldet eine Haushaltshilfe ordnungsgemäß an und zahlt Abgaben für sie? Wer hat noch nie einen Handwerker ohne Rechnung beschäftigt? Schwarzarbeit ist ein Massenphänomen. In der Bauwirtschaft sind die meisten Schwarzarbeiter tätig. Auch in Speditionsdiensten oder im Gastgewerbe gibt es viele; neuerdings werden immer mehr Pflegekräfte schwarz beschäftigt.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Rechnet man die schwarz gearbeiteten Stunden in Deutschland zusammen, kommt man nach den vorsichtigsten Schätzungen auf ein Äquivalent von mehr als einer Million Vollzeitstellen. Diese Zahl ergibt sich aus Befragungen, die der Heidelberger Ökonom Lars Feld und Claus Larsen von der Rockwool Foundation durchgeführt haben. Manche Forscher wie Friedrich Schneider von der Universität Linz sprechen von mehr als 8 Millionen inländischen Vollzeitschwarzarbeitern. Hinzu kommt knapp eine Million illegaler ausländischer Arbeiter.

          Ausgeklügelte indirekte Methode

          Wie kann man das Volumen der Schwarzarbeit berechnen? Schneider, der seit 27 Jahren auf diesem Gebiet forscht, bedient sich dazu einer ausgeklügelten indirekten Methode. "Die Idee ist, den Bargeldumlauf zu beobachten, denn keiner wird Schwarzarbeit über sein Konto abwickeln." Der Ökonom schätzt also die Geldnachfrage für die offizielle Wirtschaft, die von Variablen wie dem Einkommen, dem Zinssatz sowie der Verfügbarkeit von Bargeldsubstituten, etwa Kreditkarten, abhängt. "Dann vergleichen wir diese Bargeldnachfrage mit der von der Bundesbank ausgewiesenen tatsächlichen Bargeldmenge. Wir multiplizieren die Differenz mit der Umlaufgeschwindigkeit und erhalten die Wertschöpfung der Schattenwirtschaft."

          Für das Jahr 2007 kommt Schneider auf etwa 348 Milliarden Euro Umsatz für die Schattenwirtschaft - das entspricht einem Anteil von 14,7 Prozent vom deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und ist noch mehr als das BIP von Hessen und Rheinland-Pfalz zusammen. Gäbe es keine Schwarzarbeit oder würde sie vollständig unterdrückt, "wäre das deutsche BIP um etwa 150 Milliarden Euro geringer", meint Schneider. "Natürlich ist der Wert von 348 Milliarden Euro nur scheinexakt", gibt er zu. "Es gibt eine Fehlerspanne von 10 bis 20 Prozent, deshalb weise ich immer einen relativ breiten Korridor für die Schattenwirtschaft aus." Die Ökonomen Feld und Larsen kommen auf Basis von Befragungen auf ein weit geringeres Umsatzvolumen der Schwarzarbeit als Schneider, nämlich auf rund 3 Prozent des BIP. Das entspräche in etwa dem BIP des Landes Schleswig-Holstein. Felds Berechnungen stellen noch den untersten Rand realistischer Schätzungen dar. "Wir haben bei den Befragungen ein Offenbarungsproblem, da die Menschen über ihre Schwarzarbeit nicht ehrlich Auskunft geben", sagt der Ökonom. Knapp 9 Prozent der befragten Bürger gaben 2004 an, in den vergangenen zwölf Monaten schwarzgearbeitet zu haben, jeder im Durchschnitt siebeneinhalb Stunden in der Woche.

          Andere Tücken

          Der makroökonomische Ansatz hat andere Tücken. "Es ist beispielsweise nicht klar, ob die Umlaufgeschwindigkeit in der Schattenwirtschaft ebenso hoch ist wie in der offiziellen Wirtschaft", erklärt Schneider. Für viele Schwarzarbeiten werden Materialien und Vorprodukte ganz legal eingekauft. Zudem erfasst der Bargeldansatz nicht nur die Schwarzarbeit, sondern auch strikt illegale Tätigkeiten wie den Drogenhandel. Den Umsatz des organisierten Verbrechens versucht Schneider durch die umlaufende Menge großer Banknoten, besonders der 100-, 200- und 500-Euro-Scheine, zu schätzen. "Der Euro ist für Kriminelle weltweit sehr attraktiv, weil man leicht große Summen transportieren kann."

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